Agenda 21/16

Am 24.05.2016 von Haruki

Studie: Die Service-Welt rund um das autonome Automobil

Wenn Autos immer autonomer werden, man Füße, Hände und vielleicht auch bald den Kopf nicht mehr braucht und der Fahrer nicht mehr mit dem Fahren beschäftigt ist, was macht er dann während der Fahrt? Es entsteht eine neue Art der Freizeit für den Fahrer und mit ihr ein Milliardenmarkt: Mit den Umsätzen für Services und Dienstleistungen in diesem Bereich sollen sich laut einer Studie des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation in Zusammenarbeit mit Horváth & Partners Milliarden verdienen lassen. Die Automobilindustrie denkt bereits in Visionen und Concept Cars völlig neue Interieur-Konzepte, doch ist heute noch unklar, wie die tatsächliche Nachfrage nach Services und die angebotsseitigen Möglichkeiten rund um das autonome Fahren in Zukunft aussehen werden. Die Studie gibt einen ersten Ausblick auf diesen Markt.

 

Dazu wurden 1.500 Probanden aus Deutschland, Japan und den USA (Kalifornien) befragt. Die Umfrage wurde in zwei Szenarien unterteilt: Szenario A mit Mehrwertdiensten für „das hochautomatisierte Fahrzeug“ (hands off and feet off) und Szenario B mit Mehrwertdiensten für „die fahrerlose Kapsel“ (hands off, feet off und brain off). Die denkbaren Beschäftigungen in diesen beiden Kategorien von autonomen Fahrzeugen wurden anhand von 6 Bedürfniskategorien abgefragt: Kommunikation, Produktivität, Grundbedürfnisse, Wohlfühlen, Information und Unterhaltung. In diesen Bedürfniskategorien finden sich 21 Service-Gruppen wieder, wie etwa Soziale Netzwerke bei Kommunikation, Weiterbildung bei Produktivität oder Schlafen bei Grundbedürfnissen.

 

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Quelle: Horváth & Partners, Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (2016): “The Value of Time, Nutzerbezogene Servicepotentiale durch autonomes Fahren. http://bit.ly/1NzV3dr

 

Die Ergebnisse zeigen, dass ein Viertel der Teilnehmer grundsätzlich für Mehrwertdienste in einem autonomen Fahrzeug bezahlen würden. Besonders interessant sind für die Probanden dabei Angebote aus den Bereichen Kommunikation und Produktivität – hier wurden die höchsten durchschnittlichen monatlichen Zahlungsbereitschaften ermittelt. Vorausgesetzt, autonome Fahrzeuge etablieren sich in den kommenden Jahren, dann wird die Nachfrage der Nutzer nach solchen Services steigen, um die frei werdende Zeit im Auto sinnvoll nutzen zu können. Summiert man die Zahlungsbereitschaften über die verschiedenen Bedürfniskategorien auf, ergibt sich ein monatlicher Betrag von über 100 Euro pro Fahrer. Generell gilt, je mehr Zeit eine Person im Auto verbringt, desto eher ist sie bereit, kostenpflichtige Mehrwertdienste zu nutzen. Das Fahrzeugsegment ist dabei nicht entscheidend – Kleinwagenfahrer sind ebenso interessiert wie Fahrer von Mittel- und Oberklassewagen.

 

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Quelle: Horváth & Partners, Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (2016): “The Value of Time, Nutzerbezogene Servicepotentiale durch autonomes Fahren. http://bit.ly/1NzV3dr

 

Die denkbaren Services in autonomen Fahrzeugen stammen aus unterschiedlichsten Bereichen und sind somit für unterschiedliche Anbieter relevant. Automobilhersteller und Zulieferer bekommen damit zunehmend Konkurrenz von branchenfremden Herstellern, wie z.B. Herstellern unterschiedlicher technischer Endgeräte oder digitalen Serviceanbietern. Bisher versuchen die Automobilhersteller die Konkurrenz dadurch abzuhalten, dass sie ihre Schnittstellen in das technische Ökosystem des Autos geschlossen halten und beharren größtenteils auf eigenen Lösungen. Startups und branchenfremde Unternehmen werden aus den Fahrzeugen rausgehalten. Um jedoch das Potential für Services im und rund um das Fahren voll ausschöpfen zu können müssen sich die Autohersteller öffnen und einen gemeinsamen App-Store entwickeln. Bislang ist das jedoch nicht in Sicht. Apple und Google sind zwar mit ihren Betriebssystemen Android Auto und Apple Car Play bereits ein wenig in den Automobilmarkt vorgedrungen, jedoch erlaubt die Industrie bislang nur die Integration von Basis-Apps wie Mails, Karten oder Musik. Weitere Services bleiben weiterhin auf dem Smartphone.

 

Die Studie des Fraunhofer Instituts geht jedoch davon aus, dass sich die Situation ändern wird und die Automobilhersteller von ihren geschlossenen Systemen abrücken werden. Denn zum einen werden sie gar nicht in der Lage sein, alle von den Nutzern gewünschten Apps selbst herzustellen, zum anderen lässt sich langfristig mit offenen Systemen mehr Geld verdienen. Der Apple App-Store ist hier das beste Beispiel. Hinzukommt, dass IT-Konzerne wie Google und Apple bereits selbst an automatisierten Fahrzeugen arbeiten. Zwar ist noch nicht absehbar, ob IT-Firmen perspektivisch im Vertrieb von Automobilen wirklich neue Geschäftspotentiale sehen oder ob es ihnen mehr darum geht, die autonomen Fahrzeuge als Devices für ihre Dienste zu nutzen, trotzdem droht den traditionellen Autoherstellern dadurch nicht nur Konkurrenz im Bereich Services und Applikationen, sondern es geht auch um eine Bedrohung im Kerngeschäft durch branchenfremde Unternehmen.

Ein erstes Anzeichen, dass sie die verschlossene Haltung der Konzerne künftig aufweichen könnte, ist, dass mittlerweile viele Autohersteller Inkubatoren oder Förderprogramme für Startups anbieten. Ein Beispiel ist die BMW Startup Garage, die vor allem Startups unterstütz, die softwarebasierte Services und Dienstleistungen rund um das Fahren anbieten oder sich auf Big Data spezialisiert haben.

 

Es bleibt spannend abzuwarten, wie sich der Markt und die Veränderung der Automobilbranche in den nächsten Jahren entwickeln wird, welche neuen Player auftauchen werden und welche vielleicht verschwinden und wie die neue Service-Welt rund um das autonome Automobil tatsächlich aussehen wird. Entscheidend für die etablierten Hersteller ist, sich nicht abzukapseln, sondern sich zu öffnen, eigene Schwächen und Stärken zu erkennen und Partnerschaften und Kooperationen zu schließen, um so das Potential, das dieser Markt bietet, bestmöglich auszuschöpfen.

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