Agenda 15/16

Am 13.04.2016 von Haruki

Smart Tracking und künstliche Intelligenz in der Medizin – zwei Beispiele für gelungene Use Cases

Gesundheitstracking und Fitness Wearables werden ja häufig als unnütze Datensammelmaschinen und als potenzielle Überwachungsmöglichkeiten für Krankenkassen verunglimpft. Doch es gibt durchaus einige sinnvolle Use Cases für die Smart Tracking Technologien aus dem medizinischen Bereich, die sowohl für Patienten als auch für Ärzte ein Mehrwert sind.

 

Ein Beispiel hierfür ist die App Babylon aus England, mit der Symptome gecheckt werden können und im Ernstfall Kontakt mit einem Arzt aufgenommen werden kann. Sie soll im Laufe des Jahres gelaunched werden. Dazu gibt der Nutzer seine Symptome ein, die App gleicht diese daraufhin mit einer Datenbank ab und berücksichtigt gleichzeitig die Krankheitsgeschichte des Users sowie andere individuelle Umstände. Das Konzept ist vergleichbar mit Watson von IBM, der aktuell auch von Onkologen am Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York für die Diagnose- und Behandlungsplanerstellung verwendet wird. Dazu greift Watson auf 600.000 medizinische Befunde, 1,5 Millionen Krankenakten und auf unzählige Artikel aus medizinischen Fachmagazinen zurück.

 

Monitor

Babylon arbeitet mit einer ähnlichen Kombination von Datenbanken aber konzentriert sich dabei auf alle möglichen Krankheiten aus der Allgemeinmedizin. Das System soll in der Lage sein, hunderte Kombinationen von Symptomen in Echtzeit zu analysieren und gleichzeitig individuelle Informationen über den Patienten einbeziehen können, wie z.B. die Umwelt, das Verhalten und biologische und genetische Gegebenheiten.

 

 

Die App ist aber nicht nur in der Lage, Ratschläge auf selbst eingegebene Symptome zu geben, sondern kann in Kombination mit Health-Trackern den Körper überwachen, z.B. anhand von Wearables die den Herzschlag oder das Schlafverhalten messen. Bei möglichen Risiken oder Hinweisen auf eine Krankheit, warnt das System den User und macht ihm Vorschläge, was er tun kann. Das Ziel ist es, Krankheiten zu erkennen, bevor sie entstehen oder ausbrechen. Aktuell erlaubt es die Rechtslage noch nicht, dass die App formale Diagnosen erstellt, lediglich Handlungsempfehlungen dürfen ausgesprochen werden. Beispielsweise empfiehlt die App, sich ein bestimmtes rezeptfreies Medikament in der Apotheke zu besorgen, einen Arzt zu konsultieren oder gar den Notarzt anzurufen, ganz nach Symptomlage und Vorgeschichte des Nutzers. Wenn ein Arzt über die App konsultiert wird, hat dieser Einsicht auf die App-Daten des Patienten und wird darauf basierend per Nachricht, über Telefon oder per Video-Chat eine Diagnose stellen, beraten und behandeln.

 

Der Vorteil von Babylon ist, dass die App in der Lage ist, alle bekannten Krankheiten abzurufen, die auf die genannten Symptome passen. Menschen hingegen, in diesem Fall die Ärzte, sind nicht allwissend und haben folglich auch nicht immer alle möglichen Krankheitsbilder im Kopf. Die App kann ihnen helfen, präziser zu diagnostizieren und macht ihnen vielleicht Anzeichen und mögliche Diagnosen bewusst, die sie sonst nicht in Betracht gezogen hätten.

Auf der anderen Seite können Computer nicht kommunizieren, nicht nach weiteren Umständen fragen, nicht erkennen, ob jemand vielleicht über- oder untertreibt. So ist die Gefahr groß, dass die App entweder zu sensitiv ist, und Leute unnötig zum Arzt schickt oder nicht sensitiv genug, und ernsthafte Krankheiten nicht erkannt werden. Das ist vermutlich auch der Grund, weshalb die App aus rechtlicher Sicht eigenständig keine offizielle Diagnose stellen darf. Die Konsultation eines Arztes ist dafür nach wie vor zwingend.

 

Ein weiteres Beispiel für hilfreiches Tracking im medizinischen Bereich ist ein intelligentes Pflaster, das Diabetiker vor dem täglichen Fingerpieksen und dem Injizieren bewahren will. Das elektronische Patch, von dem es bisher allerdings nur einen Prototypen gibt, wird direkt auf der Haut getragen und misst den Glukosegehalt über den Schweiß auf der Haut. Mit in die Analyse fließen außerdem der PH-Wert und die Temperatur ein. Wird ein erhöhter Glukose-Wert festgestellt, gibt das Pflaster über winzige Mikronadeln die nötige Menge des Medikaments Metformin direkt unter die Hautoberfläche ab. Damit ist das Pflaster das erste Device, das sowohl das Monitoring als auch die non-invasive Abgabe des Medikaments kombiniert. Im Zweifel bekommt der Patient davon überhaupt nichts mit.

 

Das flexible Pflaster für Diabetiker enthält elektrochemische Sensoren zum Messen und Mikronadeln zum Abgeben des Medikaments. Quelle: http://bit.ly/1o4aGgL

 

Diese beiden Beispiele zeigen, wie Smart Tracking Tools Patienten und Ärzte erheblich entlasten können. Vor allem bei chronisch kranken Menschen, die ständig ein Auge auf die Reaktionen und Befindlichkeiten ihres Körpers haben müssen, wie dies eben bei Diabetes aber beispielsweise auch bei Epilepsie der Fall ist, können solche Devices den Alltag der Betroffenen enorm erleichtern und ihre Lebensqualität steigern.

 

Wie autonom künstliche Intelligenz in der Medizin künftig „handeln“ und wie weit sie in die Diagnoseerstellung und die Behandlung eingreifen kann und darf, bleibt abzuwarten. Ein wichtiger Schlüssel dabei wird es sein, dass die Daten nicht nur erhoben werden, sondern auch den richtigen Leuten zur richtigen Zeit zugänglich gemacht werden. Hiermit ist insbesondere die Interaktion zwischen Arzt und Patient gemeint. Dabei muss natürlich berücksichtigt werden, dass der Arzt derzeit noch nicht unverzüglich auf jede Meldung reagieren kann. Das ist in seinem Tagesgeschäft nicht abzubilden. Hier ist zunächst nach technischen Lösungen gefragt, die auch den Alltag des Arztes berücksichtigen und im zweiten Schritt sind neue Stellen in Arztpraxen gefragt, die eine direktere Kommunikation und Interaktion mit dem Patienten gewährleisten. Aber eine wirkliche Erleichterung können die Smart Tracking Tools schon heute sein.

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