Agenda 12/16

Am 29.03.2016 von Haruki

Die Rückkehr der Haptik

„Postdigital ist ein Zustand, in dem das Digitale nicht mehr das Besondere ist, sondern das Gewöhnliche – und das Sinnliche nicht das Gewöhnliche, sondern das Besondere.“ (GDI Impuls Nr. 1/2016, S. 10-11)

 

Unter diesem Motte steht das neue Heft von GDI Impuls – wie das postdigitale Zeitalter Daten sinnlich erlebbar macht. Ein besonders interessanter Artikel dreht sich um die Haptik (GDI Impuls Nr. 1/2016, S. 29ff.). Die technische Entwicklung führte uns über viel Jahrhunderte langsam aber sicher immer weiter weg vom Haptischen: Handarbeit wurde durch Maschinen ersetzt, Radio und Fernsehen sprachen, abgesehen von der Fernbedienung, nur den Hör- und Sehsinn an. Dabei ist der Tastsinn einer der wichtigsten unserer Sinne, er steht eng in Verbindung mit Lernen, Entwicklung und kognitivem Leistungsvermögen. Mangelnde Aktivierung des Tastsinns bei Heranwachsenden kann laut dem Haptik-Forscher Martin Grunwald von der Universität Leipzig sogar Gehirnaktivitäten verändern und negativ beeinflussen.

 

Weil die Haptik so wichtig für die menschliche Wahrnehmung und auch das Befinden ist, kehrt die sie langsam wieder vermehrt zurück, trotz der digitalen Revolution – oder gerade wegen ihr. Denn neuartige Materialien und Technologien geben Produktentwicklern wieder mehr Möglichkeiten, den Tastsinn durch haptisches Feedback anzusprechen. Solche digitale Haptik zeigt sich zum Beispiel in Touchscreens mit speziellen Beschichtungen, die Tastaturknöpfe als Wölbungen erscheinen lassen und so fühlbar werden.

Wie Haptik durch Technik gesteigert werden kann zeigt sich auch im Gaming-Bereich: Controller, die in bestimmten Situationen vibrieren, gibt es schon länger. Der nächste Schritt ist das Verbinden von Fühl- und Tastsinn mit Virtueller Realität. Der sogenannte Virtualizer des österreichischen Unternehmens Cyberith, von dem es bisher allerdings nur einen Prototypen gibt, möchte dies in Zukunft für die Gamer leisten. Der Virtualizer ist eine Art Platte, auf der sich der User mit dem ganzen Körber bewegt und mithilfe dessen Springen, Gehen, Laufen, etc. direkt in das Spiel übertragen und fühlbar werden. Ein weiteres Beispiel sind Datenhandschuhe.

Die Universität Bielefeld entwickelte beispielsweise einen Prototypen, der mittels elektrischer Impulse und Vibration die sensiblen Nervenenden der Finger stimuliert. Das kann zum Beispiel bei Operationen hilfreich werden, bei der Steuerung von Robotern oder beim Online-Shopping, wenn der Kunde zuhause vor dem PC das Gefühl bekommt, ein Produkt tatsächlich anzufassen.

Auch im Automobilbereich gibt es erste Versuche: Die Firma Designaffairs baute beispielsweise für Audi einen Prototypen für ein haptisches Touchpad, das sich an der Fahrerarmlehne befindet und über das Radio, Navigationssystem oder Raumklima gesteuert werden kann. Das Bedienelement besteht aus vielen kleinen beweglichen Stiften, die in Gruppen so angesteuert werden, dass je nach Bedarf Tasten, Schieberegler oder Drehknöpfe für den Nutzer fühlbar werden. Die visuellen Informationen dazu werden wie gehabt an einem Bildschirm in der Mittelkonsole angezeigt. Tests bewiesen, dass das haptische Touchpad den Fahrer sehr viel weniger vom Fahren ablenkt, als gewöhnliche Touchpads. Für die serienmäßige Umsetzung ist die Technologie allerdings noch zu teuer.

 

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Das haptische Bedienkonzept “Audi Haptic Touch” entwickelt von der Firma Designaffairs. (Quelle: http://bit.ly/1WTLJRa)

 

Dadurch, dass die Haptik vermehrt Bedeutung in der digitalen Welt bekommt, werden Produkte wieder menschlicher. Der Tastsinn ist mit Abstand der stärkste unserer Sinne, der, der am meisten Emotion und Stimulanz im Gehirn erzeugt. Sprechen Produkte den Tastsinn an, steigert sich folglich das Erleben enorm. Die User-Experience steigt natürlich dabei umso mehr, je mehr Sinne auf einmal angesprochen werden, je multisensorischer Geräte oder Produkte werden. Multisensorische Aktivitäten, sollen Studien zufolge sogar in der Lage sein, das Risiko an Alzheimer oder Demenz zu erkranken stark reduzieren, allen voran das Tanzen mit einem Partner. Ob das auch auf digitale multisensorische Aktivitäten zutrifft, ist noch nicht belegt, denn es gibt sie ja noch gar nicht. Bis dahingehend erste valide Aussagen getroffen werden können, werden wohl noch einige Jahrzehnte vergehen. Die aktuellen Entwicklungen in der haptischen Digitalisierung zeigen jedoch in jedem Fall, dass wir in Zukunft eine ganz neue Art der Mensch-Maschine-Interaktion erleben werden. Diese neuen Interaktionsmöglichkeiten werden sich dann unweigerlich auch auf die Unternehmen-Kunden-Interaktion auswirken und neue Schnittstellen und Erlebnistiefen schaffen. Und auch wenn die Technik noch nicht so weit ist, hilft es heute schon, sich mit solchen Szenarien zu beschäftigen. Denn darüber ergeben sich auch neue Qualitäten in der Bedürfnisanalyse der Kundenwünsche.

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