Agenda 9/16

Am 02.03.2016 von Haruki

WeChat & Quartz: Fernöstlicher Medienkonsum im Messenger

Soziale Medien erfüllen für Nutzer zunehmend die Rolle von Newsplattformen. Was für viele noch immer der morgendliche Blick in die Tageszeitung ist, ist für andere mittlerweile das tägliche Ritual, zum Smartphone zu greifen und den eigenen Feed auf Facebook, Twitter oder einem anderen sozialen Netzwerk nach den neuesten News zu durchforsten. Denn soziale Medien haben die Art und Weise, wie Content zum potentiellen Rezipienten gelangt, verändert. Digitale News werden mittlerweile vorrangig mobil konsumiert. Da scheint es nur konsequent, dass sich Nachrichten mittlerweile auch einen Platz in unseren Feeds zwischen den Urlaubs- und Partybilder unserer Freunde und Bekannten gesucht haben. Denn so sehe ich als Nutzer sofort, was es an Neuigkeiten gibt – egal ob die Neuigkeit nun aus privatem oder öffentlichem Kontext stammt. Man möchte ja über alles Interessante informiert bleiben und dies am liebsten immer sofort.

Deshalb sind Nutzer auch zunehmend im Begriff, mit einem einfachen Klick auf den Follow-Button ihren ganz eigenen Newsfeed zu kuratieren. Interessiere ich mich für Politik, Kultur, Technik oder doch Celebrity-Gossip? Man folgt Menschen, Marken oder News-Seiten etc. Was mir gezeigt  wird, untersteht meiner eigenen Entscheidung und bildet dabei meine tatsächlichen thematischen Präferenzen ab. Das zunehmende Überangebot an Informationen erfordert die Verwendung von Tools, die uns helfen, das breite Angebot nach persönlicher Relevanz zu filtern.

Während in der Vergangenheit der Austausch zu öffentlichen Themen ein Phänomen war, das vor allem auf Twitter stattfand, so konnte mittlerweile Facebook Twitter in seiner Rolle als dominanten Content-Distributer ablösen.

 

Liegt die Zukunft des Content-Geschäfts also in der Verbreitung über soziale Medien? Ein Blick nach Fernost, genauer nach China, zeichnet ein anderes Bild davon, wie News in Zukunft zum Rezipienten gelangen. Die hier stark etablierten Sozialen Medien sind auf Grund der „great Firewall“ dort nämlich nicht verfügbar, was jedoch nicht bedeutet, dass News nicht auch dort im Kontext von Social Apps rezipiert werden. Doch statt in Newsfeeds rücken News dort über die Integration in Messanger-Apps noch näher zum potentiellen Leser. Ein logischer Schritt, denn so wie in sozialen Netzwerken Medien geteilt und diskutiert werden, so findet ein ähnlicher Austausch auch bei uns meist parallel in Messaging-Apps durch Konversation und Diskussion mit unseren Freuden statt. Diese teilen all zu oft unsere Interessen und suchen den aktiven Austausch über ein aktuelles Thema. Während die meisten Menschen bei Konversation in sozialen Medien meist den speziellen Konventionen und Verhaltensnormen dieser Kanäle folgen, wird der Austausch über Nachrichten in privaten Chatkonversationen meist offener und ehrlicher geführt. Diese eher private Form der medialen Rezeption wird bei bei uns kaum von den Playern der Medienbrache andressiert und bewusst erschlossen.

 

In China genießt die Messaging-App “WeChat”  ähnliche Popularität wie WhatsApp in Deutschland. Anders als Messenger hierzulande verfügt “WeChat” über eine eigene News-Sektion, welche Newsbeiträge formgleich zur echten Chat-Konversation in die App-Experience des Messangers einfügt. Um News zwischen den Textnachrichten der eigenen Freunde ausgewiesen zu bekommen, muss der User einfach die entsprechenden Medien abonnieren.

 

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Quelle: http://www.wired.com

 

Die jüngst veröffentliche  App „Quartz“ geht sogar noch einen Schritt weiter. Eigentlich eine eigenständige News-App, nutzt sie die Experience von Messanger-Apps, um Nutzer über das Geschehen in der Welt zu informieren. So will sie in Navigation und Interaktion den Anschein echter Konversation mit dem Nutzer erwecken. Die App schlägt einem nacheinander unterschiedliche Themen im Chatfenster in Form kurzer einführender Headlines vor und fordert den Nutzer auf, auf diese unmittelbar Bezug zu nehmen. Ignoriere ich News, drücke ich meine Gefühle dazu in Form eines Emoticons aus oder möchte ich auf einzelne Aspekte vertiefende Fragen stellen?

Die Apps zwingen den Nutzer, mit ihnen zu interagieren, ganz so als würde auf der anderen Seite einer unserer begeisterten News-Junkie-Freunden sitzen, der nur darauf wartet, für seine Recherche entsprechend wahrgenommen und sozial honoriert zu werden. Das Absender-Medium verhält sich somit nicht länger wie der Publisher von Informationen, sondern wird selbst zur teilenden Person – eine spannende Verkehrung im Vergleich zu sozialen Medien. Denn wenn wir ehrlich sind, erinnern wir uns doch meist eher an die Person, die einen Beitrag geretweetet hat, als an den ursprünglichen Content-Ersteller selbst. Für Medienabsender besteht so die Möglichkeit, eine direktere Beziehung zum Medienkonsumenten eingehen zu können. Denn dadurch, dass der Nutzer sich aktiv mit dem dargeboten Content auseinandersetzen muss und  die App aktives Feedback durch ihn einfordert, werden Nachrichtenmarken befähigt, tiefergehende User-Daten zu sammeln. Das macht Content für sie nicht nur personalisiert ausweisbar, sondern erlaubt es perspektivisch, diesen sogar inhaltlich personalisiert zu konzipieren.

 

“Quartz” ist auch in Deutschland verfügbar. Es bleibt abzuwarten, inwieweit die App einen neuen Trend in der Medienbranche setzen kann. Ein großes Manko hat die App leider: sie ist nicht in das Ökosystem anderer Messanger integriert, sondern funktioniert komplett eigenständig und ist dabei thematisch zur Zeit noch eher eingeschränkt, was einer Habitualisierung dieses neuen Rezeptionsmusters sicherlich im Wege stehen wird.

 

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