Agenda 6/16

Am 10.02.2016 von Haruki

Kontext und Perspektive – neue Formen des digitalen Journalismus

Medienhäuser haben es nicht leicht in diesen Tagen – das ist nichts Neues. Umso überraschender ist es, dass dieses Frühjahr in Deutschland gleich zwei neue Medien-Startups starten wollen. Beide verfolgen einen anspruchsvollen Ansatz – das eine möchte lösungsorientierten Journalismus anbieten, das andere kontextorientierten:

 

Das Online-Medium „Der Kontext“ will, wie der Name schon sagt, für mehr Kontext und einen besseren Überblick im Nachrichtengewirr schaffen. Die Gründer aus München wollen sich pro Monat nur einem großen Thema widmen, dafür aber in aller Tiefe, mit allen Hintergründen und Verbindungen zu anderen Themen. So soll ein „interaktives Navigationssystem für komplexe Themen“ entstehen, das es dem Leser erlaubt, Zusammenhänge „spielerisch und intuitiv“ zu erkunden. Dabei wird das Design eine große Rolle spielen: Die Themen sollen wie ein Netzwerk multiperspektivisch visualisiert werden. Wie das genau aussehen soll, zeigt dieses Video. Außerdem sollen die Leser die Möglichkeit haben, in einem Forum mit der Redaktion und anderen Lesern über die Themen zu diskutieren und Fragen zu stellen.

 

„Perspective Daily“ will eine Online-Plattform für zahlende Mitglieder werden, die konstruktiven Journalismus anbietet, der fragt, wie es mit bestimmten Themen und Problemen weitergehen kann. Die Leser sollen auch die Möglichkeit haben, Artikel zu kommentieren und untereinander zu diskutieren. Am Redaktionsstandort Münster soll täglich ein Artikel veröffentlicht werden, der Hintergründe und Zusammenhänge erklärt und Lösungen diskutiert. Dazu soll auch auf wissenschaftliche Studien zurückgegriffen werden. Deshalb ist es den Gründern auch wichtig, dass ihre Redaktionsmitglieder neben einer journalistischen auch eine wissenschaftliche Ausbildung mitbringen. Die Artikel sollen immer im Team entstehen, das sich bei der Arbeit an mehreren von den Gründern entwickelten Leitfäden orientiert.

 

Bildschirmfoto 2016-02-10 um 10.58.01

Quelle: http://www.derkontext.com/

 

Beide Startups wollen auf Werbung verzichten und sich zunächst über Crowdfunding finanzieren. Während „Der Kontext“ sein Funding-Ziel von 10.000 Euro bereits überschritten hat, arbeitet „Perspective Daily“ noch daran, bis 21. Februar das Ziel von 12.000 Mitgliedern zu erreichen, die eine Jahresmitgliedschaft für 42 Euro abschließen.

 

Auch wenn die beide Startups in Teilen unterschiedliche Ansätze haben, treibt sie doch die gleiche Motivation: Die Frage nach dem Warum stellen, tiefgehende Hintergründe und Zusammenhänge aufzeigen und so aktuelle Themen in aller Tiefe begreifbar darstellen. Damit liegt die Frage auf der Hand: Was wäre, wenn beide gemeinsame Sache machen würden? Zunächst den Kontext liefern und dann mögliche Perspektiven aufzeigen? Der Nutzen für die User würde sich somit enorm steigern. Da die Startups weitestgehend die gleiche Gründungsmotivation haben, sind wahrscheinlich auch die Zielgruppen sehr ähnlich. Bei einer Kooperation würden die Startups deshalb vermutlich gemeinsam mehr Mitgliedschaften auf sich vereinen können, als wenn die Nutzer sich für eines der beiden Angebote entscheiden müssten. Auch die Arbeit der Redakteure könnte sich erleichtern, wenn Recherchen eventuell mehrfach verwendet werden können und mehr Arbeitsteilung entsteht.

 

Insgesamt bedienen beide Startups das aktuelle Bedürfnis des digitalen Medienkonsums: Spezifische und qualitativ hochwertige Inhalte, die durch eine Redaktion selektiert sind, auf Abruf zu konsumieren. Damit ist man nicht mehr nur auf das angewiesen, was in allen Medien mehr oder weniger angeboten wird und erspart sich auch die Suche nach den medialen Nuggets im Netz. Wir beobachten neugierig wie es mit den beiden Medien-Startups weitergeht und wünschen natürlich beiden viel Erfolg.

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