Agenda 4/16

Am 29.01.2016 von Haruki

Frosch schwimmt gegen den Strom: mit einem Plädoyer für strengere Umweltauflagen und Gesetzesvorgaben

Das Chemieunternehmen Werner&Mertz, das mit seiner Marke Frosch bekannt wurde, setzt sich selbst hohe Maßstäbe: Die Firmenzentrale von Werner&Mertz in Mainz erzeugt beispielsweise mittels Windkraft, Solarenergie und Geothermie mehr Strom als es verbraucht. Seit 2003 lässt Werner&Mertz außerdem seine Produktionen nach EMAS validieren. EMAS prüft das Umweltmanagement im Unternehmen und bezieht auch die Rohstoffe und Logistik mit ein. Die EMAS-Validierung gilt als einer der strengsten Standards in diesem Bereich.

 

Nun geht das Unternehmen noch einen Schritt weiter und betreibt Lobby-Arbeit, um sich, und damit der ganzen Branche, auch von Gesetzes wegen strengere Vorschriften aufzuerlegen: Werner&Mertz hat einen Gesetzesentwurf erarbeitet, der das Abfallrecht verschärfen soll. Konkret geht es um eine höhere Recyclingquote durch die mehr Rohstoffe aus Abfällen zurückgewonnen werden sollen. Wer Kunststoff- und Metallverpackungen in Umlauf bringt, soll laut dem Gesetzentwurf künftig auch für deren Entsorgung zahlen. Die Politik arbeitet seit Jahren an einem modernen Wertstoffgesetzt. Werner&Mertz möchte nun daran mitarbeiten und das Gesetz im Sinne einer Kreislaufwirtschaft prägen.

 

Dazu hat Werner&Mertz gemeinsam mit Partnerunternehmen vor drei Jahren die „Recyclat-Initiative“ ins Leben gerufen, die für Upcycling wirbt: Die Industrie soll für ihre Verpackungen langfristig auf neue Kunststoffe verzichten und stattdessen alte Verpackungen aus dem Gelben Sack verwenden. Zwar greifen bereits viele Hersteller auf recycelte PET-Pfandflaschen zurück, doch zu wenige bedienen sich dabei aus dem Gelben Sack. Denn die Aufbereitung der Verpackungen daraus ist aufwendig und teuer. Werner&Mertz hat deshalb mit seinen Partnern einen Sortierprozess entwickelt, der zuverlässig und wirtschaftlich brauchbaren von unbrauchbarem Abfall aus dem Gelben Sack trennt. Eines Tages, wenn die Kosten dieses Recycling-Kreislaufes niedriger sind, als die Neuherstellung aus Erdöl, wird sich diese Methode von ganz allein als neuer Standard durchsetzten, so hofft Timothy Glaz, Leiter Corporate Affairs bei Werner&Mertz. Bis dahin plädiert Werner&Mertz für den Weg über das Gesetz.

 

Wenn Unternehmen gegen den Strom schwimmen und sich selbst intern strengere Richtlinien auferlegen, ist das bereits bemerkenswert. Dass ein Unternehmen aber sogar aus eigenen Stücken auf die Politik zugeht und sich offiziell für schärfere Vorschriften in ihrem Kerngeschäft einsetzt – das bleibt ungewöhnlich. Werner&Mertz nimmt damit eine Vorreiterrolle ein. Nicht umsonst wurde Werner&Mertz vom Bundeswirtschaftsministeriums eingeladen, auf dem internationalen G7 Workshop im Oktober 2015 in Berlin, seine Initiative vorzustellen – als Best-Practice-Beispiel für den sparsamen Einsatz von Ressourcen.

 

Weitere Beispiele von Unternehmen, die in ihrer Branche Vorreiter für strengere Standards sind, sind Frosta und Vaude. Bereits 2003, weit vor dem ganzen „Frei von“-Trend in der Lebensmittel- und Kosmetikbranche, begann Frosta damit, alle Produkte ohne Zusätze wie Farbstoffe, Emulgatoren oder Stabilisatoren herzustellen. Die Qualitätsumstellung führte zunächst zu einem enormen Gewinneinbruch, der das Unternehmen beinahe ruinierte. Doch nachdem die Kunden das neue Konzept nach einiger Zeit akzeptierten und die Nachfrage nach natürlichen hergestellten Lebensmitteln stieg, erholte sich das Unternehmen und gilt noch bis heute als Vorreiter in der Branche. Vorreiter sein heißt eben auch immer, mutig und der Zeit einen Schritt voraus zu sein.

Der Sportbekleidungshersteller Vaude ist ähnlich vorbildhaft: Nicht nur die Hälfte des Bekleidungssortiments wird nach ökologischen Standards hergestellt. Auch die Firmengebäude sind ökologisch und von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen zertifiziert. Vaude unterwirft sich freiwillig strengen Öko- und Sozialvorschriften und sorgt auch in seinen Produktionsstätten in China und Vietnam für faire Arbeitsbedingungen. Für sein Engagement hat das Unternehmen bereits mehrere Auszeichnungen bekommen, zuletzt den Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2015.

 

Auf der einen Seite steckt hinter solchen Bemühungen natürlich auch ein gewisser Eigennutz, denn schließlich ist das eine hervorragende Marketingmaßnahme, nicht nur bei den Verbrauchern, sondern auch bei potentiellen Bewerbern, wodurch sich die Unternehmen vom Wettbewerb absetzen können. Das hilft dem Image und dem Umsatz. Doch Fakt ist, dass das Engagement solcher Unternehmen, die solche Ziele konsequent und aufrichtig verfolgen, der Umwelt oder der Gesellschaft wirklich nützen. Zwischen solchen Unternehmen und denen, die lediglich Green Washing betreiben, muss aufmerksam differenziert werden. Hinzukommt, dass nicht alle Maßnahmen über Produktmarketing an den Endverbraucher kommuniziert werden dürfen: Mit der EMAS-Umweltzertifizierung dürfen Unternehmen beispielsweise nur ihre Produktion bewerben, nicht aber die Produkte selbst. Bei der Kaufentscheidung am Regal, weiß der Kunde im Zweifel also gar nichts von den Bemühungen des Herstellers.

 

Unternehmen, denen es ernst ist mit Umwelt- und Gesellschaftsverantwortung, verfolgen eine ganzheitliche Strategie: Sie denken vorausschauend und langfristig – nicht nur in Gewinnperioden. Sie haben den Mut auch unpopuläre und möglicherweise zunächst gewinnschmälernde Maßnahmen zu verfolgen und beziehen alle Stakeholder in ihre Strategie mit ein – eben auch die Umwelt. Getragen wird diese Art von Unternehmergeist aus den persönlichen Einstellungen und Überzeugungen der jeweiligen Führungskräfte. Bleibt es zu hoffen, dass diese Bemühungen auch weiterhin von den Kunden belohnt werden. Aber die Zeichen dafür stehen gut. Denn in einer immer digitaler werdenden Welt, in der die Kunden immer besser und immer schneller informiert sind, werden eben auch häufig Konsumentscheidungen des täglichen Bedarfs immer bewusster und mündiger getroffen. Somit wird der Nachfragermarkt letztlich – wenn zunächst auch nur latent – immer mehr Druck ausüben und wer seinen Kunden im Blick und verstanden hat, wird ihn auch mit Initiativen positiv überraschen können.

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