Agenda 50/15

Am 09.12.2015 von Haruki

Time Republik: Vom Wert der verlorenen Zeit

Erinnern Sie sich noch an die Geschichte von Momo, dem kleinen Mädchen aus dem Roman von Michael Ende? In ihrer gleichnamigen Geschichte kämpft sie gegen eine Übermacht von Zeitdieben – die sogenannten „grauen Herren“. Diese grauen Herren stellen sich als Agenten der Zeitsparkasse vor: Sie rechnen den Menschen vor, wie viel Zeit sie sparen könnten, wenn sie angeblich nutzlose Tätigkeiten aus ihrem Leben streichen. Erschrocken und verblüfft ändern die zeitsparwilligen Menschen daraufhin ihr Verhalten: Sie arbeiten schneller, hetzen durch den Tag und erlauben sich weder Pausen noch Vergnügen, noch jede Form des Müßiggangs oder der Selbstreflexion. Das Paradoxe daran ist, je mehr Zeit die Menschen einsparen, desto weniger davon haben. Denn tatsächlich wird die eingesparte Zeit von den grauen Herren gestohlen, genauer: Sie löst sich, in Zigarrenform gedreht, in Rauch auf – dem Lebenselexier der grauen Herren.

 

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Auch wenn diese Geschichte in Kindertagen märchenhaft und fantastisch anmutete, so lehrt sie uns als Erwachsene doch recht anschaulich eine Tatsache: Zeit ist eine knappe Ressource. Und als knappe Ressource hat sie einen Wert. Und je knapper Zeit wird, desto wertvoller wird sie. Uns allen stehen 24 Stunden pro Tag zur Verfügung. Wie wir diese 24 Stunden nutzen, wie wir sie – um im Vokabular der grauen Herren zu bleiben – investieren und auf Arbeit, Privatleben oder andere Interesse verteilen, liegt in unserer persönlichen Entscheidung.

 

Es scheint so, als hätte sich der Gründer der neuen Sharing-Plattform Time Republik, Gabriele Donati, sich bei der Entwicklung von dieser Tatsache und vielleicht auch von Michael Endes Romanfigur inspirieren lassen. Time Republik ist der Versuch, die Idee der Sharing-Economy auf das Phänomen Zeit anzuwenden und Zeit zu einer handelbaren Ressource zu machen. Sein Ansatz stellt eine bewusste Abkehr von den Erfolgsmodellen bekannter Sharing-Dienste, wie Uber, AirBnB und Co., die den Sharing-Gedanken in Geschäftsmodelle übersetzt haben, in denen Leistung mit Geld bezahlt wird: Mobilität gegen Geld. Wohnraum gegen Geld. Bei Time Republik ist das anders: Hier wird Zeit nicht in einen monetären Wert transformiert, sondern gegen die Zeit anderer Nutzer eingetauscht.

 

Findet sich jemand, der bereit ist, eine Aufgabe für mich zu erledigen, bekommt er nach getaner Arbeit die dafür aufgewendete Zeit auf seinem Zeitkonto gutgeschrieben. Dieses Zeitbudget kann er wiederum einsetzen, um selbst Dienstleistungen anderer User in Anspruch zu nehmen. Die Idee der Plattform ist somit ein ständiges Geben und Nehmen von Zeit. Die Plattform kann allerdings nur dann funktionieren, wenn jeder User bereit ist, sowohl in die Rolle des Auftraggebers als auch in die des Auftragnehmers zu schlüpfen. Da Geld als Währung fehlt, muss Zeit mit Zeit vergolten werden. Und so verlang Time Republik, dass wir die erarbeitete Zeit auch wieder ausgeben. Ansonsten geht es uns wie den Freunden von Momo und die gesparte Zeit verpufft einfach.

 

Die Idee, die Time Republik zur Anwendung bringt, besitzt einen eigenen Charme, denn Zeit ist als Größe universell. Sie unterliegt keinen Kursschwankungen oder Preisdynamiken. Zeit kann nicht verzinst werden oder mit Gewinnmargen versehen. Sie ist die einzige Ressource, die jedem Menschen zu gleichen Teilen zur Verfügung steht, solange er am Leben ist. Es ist fast eine Art romantische Dienstleistungsutopie: Denn die Annahme, dass die Zeit jedes Menschen – unabhängig von der Tätigkeit, auf die sie verwendet wird – gleich viel Wert sein könnte, hat im besten Fall etwas Romantisches. Welchen Wert messen wir der eigenen Zeit und der anderer bei? Welchen Wert haben die Leistungen, die innerhalb einer bestimmten Zeitspanne erbracht werden können? Früher haben wir bei Oma den Rasen gemäht oder unserem Onkel sein neues Handy erklärt. Von Oma gab’s dafür einen selbst gestrickten Schal zu Weihnachten, der Onkel lieh uns sein Auto. Im privaten Raum handelt jeder entlang der eigenen Fähigkeiten. Diese Fähigkeiten und Ressourcen werden dort schon immer so alloziert, dass sich daraus ein allgemeines Wohlfahrtsprinzip ergibt, das alle Akteure besser stellt – ohne die Notwendigkeit einer allgemein gültigen monetären Bewertung von Leistung. Das Gewinnstreben der Wirtschaftswelt hat für solche Konzepte wenig übrig. Es steigert die allgemeine Wohlfahrt auf andere Art und Weise. Trotzdem: Time Republik experimentiert mit einem Konzept, das dem Sharing im Begriff “Sharing-Economy” eine neue Facette hinzufügt.

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