Agenda 40/15

Am 29.09.2015 von Haruki

Warum Kollaboration und eigene Nutzenmaximierung einander nicht ausschließen: Antworten aus der Spieltheorie

In unserer zunehmend vernetzten Welt wird an allen Grundfesten und Gedankenkonstrukten der Vergangenheit kräftig gerüttelt. Aktuell stellen Phänomene wie die Sharing und Collaborative Economy den „Homo Oeconomicus“ auf den Prüfstand. Der hat lange als Repräsentant (eigen)nutzenmaximierender Motivationen das theoretische wirtschaftliche Denken geprägt. Die Wirtschaftswissenschaft unterstellt auch heute noch allen Akteuren, dass jedes Handeln darauf abzielt, den eigenen Nutzen zu maximieren. Seit John Forbes Nash (Nicht-Wirtschaftswissenschaftlern bekannt aus dem Film “A Beautiful Mind” aus 2001) wissen wir, dass das nicht unbedingt bedeutet, sich dem eigenen Umfeld gegenüber unkooperativ zu verhalten. Im Gegenteil: John Nash hat die Entdeckung gemacht, dass die Verhaltensalternative die beste ist, die den Handelnden selbst und gleichzeitig alle anderen Handelnden besser stellt.

 

Tatsächlich ist die Idee von John Nash ein gutes Denkmodell um die Sharing Economy besser zu begreifen. Denn unsere christlich-abendländische Sozialisierung erkennt hier ein Dilemma: Wie kann das “Teilen” dem eigenen Vorteil dienen? Ist Teilen nicht ein christlicher Akt der Nächstenliebe – selbstloses Geben an ein bedürftiges Gegenüber? Doch, aber die Sharing Economy lässt sich vor diesem Hintergrund nicht verstehen, denn der Diskurs ist der falsche. Die Sharing Economy ist die Übersetzung von John Nash’s Gedanken in die gelebte Praxis: Das Teilen als Wertschöpfungsmodell, das den Teilenden und denjenigen mit dem geteilt wird gleichzeitig besser stellt. Eine Win-Win-Situation sozusagen. Ein Gleichgewicht von dem alle Akteure profitieren.

 

Dennoch: Unser herkömmliches Verständnis von Ökonomie fußt auf dem Wettbewerbsgedanken, auf dem eigenen Egoismus als vorherrschende Handlungsmaxime. Dabei gehen wir von der Prämisse aus, dass ein Unternehmen nur dann erfolgreich sein kann, wenn es bestrebt ist, sich gegenüber dem eigenen Wettbewerb durchzusetzen. Nur dasjenige Unternehmen, dessen Wertschöpfung schneller, günstiger und besser funktioniert, hat im Kapitalismus die Chance das Rennen im Markt zu gewinnen. „The Survival of the fittest“ nannte Darwin das. Und dieses Prinzip scheint nicht nur in der Natur das vorherrschende Grundprinzip zu sein.

 

Doch ist eine solche Perspektive in unserer vernetzten Gegenwart noch zeitgemäß? Denn auch in der Natur fußt Fortschritt und Entwicklung nicht allein auf dem Prinzip der natürlichen Selektion. Vielmehr wird die Entstehung biologischer Systeme auch durch die Fähigkeit von Organismen bedingt, reziproke Beziehungen zueinander einzugehen: Beziehungen die gegenseitigen Nutzen stiften. Bakterien formieren sich zu Zellen, diese wiederum zu größeren, komplexen Organismen – eine Synergie, welche dem gemeinsamen Ziel des Überlebens dient und welches den Organismus zu neuen, vormals unmöglichen Handlungen befähigt. Wie funktioniert Evolution eigentlich? Und wie gelingt uns eine Beschreibung unserer Evolution als wirtschaftliche Akteure? Wie erklären wir unser Verhalten in einer Umgebung, in der sich grundlegende Variablen gerade verändern?

 

Auf Anbieterseite wird die Fähigkeit zur Kollaboration in der Erschließung von Märkten und Nutzbarmachung von Ressourcen zu einem zentralen Erfolgsfaktor. Spiegelbildlich gilt das auch für die Nachfrageseite: Die zunehmende Vernetzung und der kollaborative oder kooperative Konsum befähigt Konsumenten zu mündigeren Kaufentscheidungen, in kürzerer Zeit. Produktkritiken auf Amazon, Empfehlungen aus unserem Freundeskreis über Facebook oder Twitter sind produktive Abkürzungen, die wir gerne nutzen. Persönliche Erfahrungen werden multiplizierbar und stellen als Big Data wiederum neue Erkenntnismöglichkeiten für die Anbieterseite zur Verfügung, die genutzt werden, um das Angebot wiederum zu verbessern. Ein evolutionärer Kreislauf. Ein Gleichgewicht. Die wachsende Transparenz, die eine zunehmend vernetzte Welt zur Verfügung stellt, macht John Nash’s Idee aktueller denn je: Letztendlich profitiert das gesamte Wirtschaftssystem, wenn es sich bewusst macht, dass sich Märkte nur kollaborativ weiterentwickeln lassen, vor allem wenn es um innovative Produkte und Services geht. Aus Wettbewerbern werden Marktmitgestalter, wenn es darum geht, neue Angebote zu schaffen und dem Markt zu erklären.

 

Hat der Homo Oeconomicus damit ausgedient? Nein. Denn unser wirtschaftliches Handeln zielt noch immer auf den eigenen Vorteil. Der Homo Oeconomicus ist – als Konstruktion der Wirtschaftswissenschaft – aufgerufen, etwas Eigenmarkenpflege zu betreiben und sich aus seiner Ich-zentrierten Nutzenmaximierung zu befreien, sich zu öffnen für eine Intensivierung seiner Interaktion mit anderen. Er muss sich seiner selbst als Teil wirtschaftlicher Ökosysteme bewusst werden, ebenso wie seines Vernetztseins. Er muss Kollaboration erlernen und als neue Fähigkeit und sinnvolle Strategie in sein System integrieren. Nur dann bleibt er anschlussfähig an die moderne Welt. Es wird Zeit für einen weiteren Schritt in der eigenen Evolution. Werter Homo Oeconomicus: Nehmen Sie sich Zeit für Ihre eigene Evolution!

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