Agenda 36/15

Am 01.09.2015 von Haruki

YouTube: Wie die Videoplattform ihren Traffic kapitalisieren will

Aus Nutzersicht ist YouTube einer der Hauptknotenpunkte des Internet: Wer Bewegtbildinhalte sucht wird früher oder später auch auf YouTube landen. Denn keiner anderen Video-Plattform gelingt es, ein derart breites Angebot zu aggregieren. Auf YouTube treffen kommerzieller und User-Generated-Content aufeinander und bilden gemeinsam eine fast unüberschaubare Landschaft aus informativen, nützlichen und unterhaltenden Themen – und das in der Regel kostenfrei. Denn Geld verdient die Plattform bisher vor allem über Werbung, die vor oder während der Videos eingeblendet wird. Ein fairer Deal, so scheint es, der den Content-Gebern eine Möglichkeit zur Verfügung stellt, die eigenen Inhalte zu kapitalisieren und gleichzeitig öffentlich zugänglich zu halten. Für YouTube scheint sich diese primäre Finanzierung über Werbepartner jedoch nur mittelbar auszuzahlen. Denn was angesichts des hohen Traffics und der Umsatzzahlen von 4 Milliarden Dollar allein im Jahr 2014 verwundern mag, ist die Tatsache, dass YouTube nach Auszahlung der Werbeeinnahmen an Partner und Kosten für Infrastruktur gerade mal am eine Schwarze Null schreibt. Vielleicht sucht YouTube deshalb nach neuen Monetarisierungsmöglichkeiten. Potenzial dafür erkennt die Plattform aktuell in den Themenbereichen, die sich besonders hoher Beliebtheit und somit hoher Viewer-Zahlen erfreuen: bei den Themen “Gaming” und “Musik”.

 

Unter gaming.youtube.com launchte nun die bereits seit längere Zeit angekündigte Streaming-Plattform “Youtube Gaming”. Die Plattform ist ausschließlich auf dieses eine Thema spezialisiert und aggregiert alle YouTube-Kanäle mit themenaffinen Inhalten. Aus Channels zu insgesamt 25.000 Spielen können Nutzer ihre Favoriten wählen und Kollektionen zusammenstellen, um in Zukunft keine Neuigkeit, die sich auf aktuelle Lieblingsspiele bezieht zu verpassen. Wichtigste Neuerung sind in diesem Kontext die sogenannten Live-Kanäle, auf denen YouTuber die Möglichkeit haben, ihre Spiele Live zu streamen. Diese Möglichkeit gab es zwar bereits zuvor, sie stand jedoch nur eingeschränkt nach vorheriger Anmeldung zur Verfügung. Mit “YouTube Gaming” kann nun jeder Nutzer jeden Live-Stream jederzeit verfolgen. Besonderen Charme gewinnt die Live-Streaming-Funktion durch eine komplementäre Chat-Funktion, die es den Zuschauern erlaubt, sowohl untereinander als auch mit dem Streamer selbst unmittelbar in Dialog zu treten. Das schafft Nähe zwischen den Streamern und ihrer Community und gibt Zuschauern die Möglichkeit, mittelbar Einfluss zu nehmen – zum Beispiel in der Form, dass kurzerhand über das weitere Schicksal des Protagonisten aus dem Spiel im Chat abgestimmt wird.

 

„YouTube Gaming“ positioniert sich als direkter Konkurrent zu Amazon’s bereits sehr erfolgreicher Live-Streaming-Plattform „Twitch TV“. In Abgrenzung zu Amazon will YouTube für seinen Gaming-Channel jedoch ein breiteres Publikum gewinnen. Während „Twich TV“ aktuell spezielle, höchst gaming-affine Zielgruppen adressiert, schaffen es beliebte YouTube-Formate, wie etwa „Let’s Play“, Gaming für breitere und auch jüngere Zielgruppen zugänglich zu machen. Was nicht zuletzt auch den Persönlichkeiten der YouTuber selbst geschuldet ist. Für Spiele-Publisher bieten sich durch „YouTube Gaming“ neue Chancen, ihre „Day One“-Strategie (die meisten Exemplare eines Videospiels werden am ersten Tag nach Release verkauft) über YouTube getriggerte Word-of-Mouth Effekte auf mehrere Tage zu verlängern. Streamer kaufen die Spiele, spielen sie anschließend gemeinsam mit der Community und lassen sie so an der Gaming-Experience partizipieren. Die Idee: Die indirekte Teilhabe verleitet mehr Gamer zum Kauf des Spiels. “Let’s Play” war dafür als asynchrones Format bisher zu langsam, da die Inhalte meist erst Tage nach dem Release veröffentlicht wurden. Das senkt die Effektivität und entzerrt den medialen Druck. Mit „YouTube Gaming“ schafft die Videoplattform das Potential, perspektivisch ein neues, schnelleres Werbeformat für die Gaming-Industrie zu etablieren.

 

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Quelle: https://gaming.youtube.com/

 

Gaming ist das eine Thema – Musik das andere. YouTube ist aktuell im Begriff, parallel zum Gaming seine Rolle als Musik-Streaming-Dienst weiter auszubauen. Denn Musikvideos sind immer noch die Clips, die auf YouTube am häufigsten angeklickt werden –mit Abstand. Statt Musik weiterhin komplett kostenlos anzubieten, soll in Zukunft auch ein Musik-Abo nach dem Vorbild von Spotify und Co. zur Verfügung stehen. Der dafür ins Leben gerufene Dienst hört auf den Namen „Music Key“ und soll im November starten. Ein Vorhaben, über das sich besonders die Musik-Labels freuen werden, die sich in der Vergangenheit immer wieder über eine zu geringe Beteiligung an den Werbeeinnahmen durch YouTube beklagt haben. Wer bereit ist für ein Abonnement von „Music Key“ zu bezahlen, soll im Gegenzug von Werbeeinblendungen verschont bleiben und zudem die Möglichkeit haben, Musikvideos auch offline zu nutzen. Wie genau die Beziehung zwischen öffentlichen und bezahlten Musikinhalten konkret aussehen soll, ist momentan noch offen.

 

Ein komplementäres oder Alternativmodell wird derzeit auch in Form eines Video-Abos erprobt. Bei diesem Abo-Modell werden Inhalte von Premium-Anbietern bereitgestellt – gegen Bezahlung. Bereits seit Mai 2013 gibt es kostenpflichtige Kanäle, die zur Finanzierung von YouTube beitragen. Auf den Weg gebracht wurde dieses Angebot in den USA mit Partnern wie National Geographic oder ES.TV, deren Folgen für 99 Cent auf einer Paywall abonniert werden können. Aktuell plant YouTube, dieses Modell auch für andere populäre Content-Produzenten anwendbar zu machen. Es bleibt abzuwarten, wie gut die neuen Services von der Userbase angenommen werden. YouTube folgt mit seinen Initiativen einem typischen Upselling-Gedanken und versucht, den eigenen Traffic über neue Geschäftsmodelle zu kapitalisieren. Die DNA der Videoplattform basiert allerdings auf der Idee der kostenfreien Nutzung. Die Services lassen eine Abkehr von dieser Philosophie erahnen. Das könnte zwar Reaktanz auf User-Seite erzeugen, doch ein tatsächlicher Wettbewerber, der den Traffic von YouTube übernehmen könnte, ist bislang nicht in Sicht. Wieviel YouTube seinen Nutzern zumuten kann, wird sich also noch zeigen.

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