Agenda 33/15

Am 11.08.2015 von Haruki

PayPal: Was die wachsende Bedeutung des M-Commerce für den Platzhirsch bedeutet

Der Geldtransfer über PayPal ist heute bei nahezu jedem Online-Angebot möglich. Von der Ticketbuchung bei Lufthansa bis hin zum privaten Verkäufer auf ebay. PayPal ist Marktführer, wenn es um digitale Payment-Verfahren geht. 230 Millionen Menschen nutzen PayPal weltweit. 16 Millionen davon leben in Deutschland. Für 63% der Online-Shopper ist PayPal das bevorzugte Zahlungsmittel. Diese Zahlen klingen eigentlich nach einer zukunftsreichen und gefestigten Position. Auch dann, wenn man sich die Bestrebungen des Wettbewerbers ansieht, der versucht, PayPal zu kopieren und seine Position streitig zu machen. Häufig sind es nationale Lösungen von Banken, die sich zusammenschließen und sich bemühen, über das Thema Sicherheit PayPal Kunden abzuwerben bzw. neue Kunden für sich zu gewinnen. In Deutschland startet Mitte August „Pay Direkt“ in den Live-Test. In der Schweiz gibt es seit Juni dieses Jahres „Paymit“, ein System für den schnellen, elektronischen Geldtransfer. In Schweden wurde Ende letzten Jahres „Swish“ (sieht dazu auch unsere Agenda 49/14) eingeführt und in Frankreich sogar schon Ende 2013 „Paylib“ als Pendant zu PayPal von den dort ansässigen Großbanken gelauncht. Die Welt wird digitaler, der Wunsch nach bequemen, elektronischen Zahlung wächst. PayPal setzt aktuell internationale Standards und betrachtet die nationalen Wettbewerber eher als „Ärgernis“ denn als ernstzunehmende Konkurrenz.

 

Wie gesagt, eigentlich scheint aus Sicht von PayPal alles in Ordnung zu sein. Wäre da nicht die wachsende Bedeutung des M-Commerce gepaart mit der Tatsache, dass neuere Smartphones zunehmend Bezahldienste systemseitig bereits integrieren. Damit ändern sich die Spielregeln im Markt. Denn mit Android-, Apple-, und Samsung-Pay drängen neue Alternativen und Player in den Markt: Noch schneller, noch einfacherer und genauso sicher. Und da diese Bezahlsysteme in die vorinstallierte App-Suite des Smartphones bereits integriert sind, muss sich PayPal den Weg aufs Gerät härter erkämpfen als zuvor: PayPal wird zum Drittanbieter. Nun lassen sich ausreichend treffliche Vergleiche anstellen und Vorbilder benennen, die sich auch als Drittanbieter als Standard durchgesetzt haben. Auch WhattsApp hat es als Drittanbieter geschafft, sich sehr erfolgreich neben den vorinstallierten SMS Diensten und gegen iMessage und Co. zu behaupten. Aber WhatsApp erfüllt dabei auch genau das, was sich Smartphone-User wünschen: es ist schnell, es ist einfach, es ist kostenlos. So soll auch das Bezahlen sein. Und hier hat PayPal im Sprung vom E-Commerce zum M-Commerce Nachteile und vielleicht auch zu spät erkannt, dass das mobile Browsen durch digitale Angebote heute mehr und mehr über Apps anstatt als über den Browser stattfinden. Smartphone-Nutzer kaufen heute zunehmend in Apps ein: Sie bestellen Essen, buchen Kinokarten und Flüge etc. Der Browser wird auf dem Smartphone zunehmend durch Apps ersetzt.

 

Auch das Thema Peer-2-Peer Payments hat PayPal relativ spät für sich entdeckt und dann eine Lösung präsentiert, die anders als bei den etablierten P2P Payment Anbietern wie “Square Cash” in den USA oder “Pingit” in Großbritannien, nur dann funktioniert, wenn beide Transaktionspartner ein PayPal Konto haben. In diesem Punkt hinkt PayPal auch den Lösungen der nationalen Banken hinterher, die ihre P2P Lösungen bankenübergreifend anbieten können. Darüber hinaus funktioniert das Bezahlen über die PayPal-App leider auch nicht ganz so schnell und einfach wie beim Wettbewerb. Denn die PayPal App ist im Grunde nur ein Klon der Browserversion. In Puncto Schnelligkeit und Einfachheit haben auch die iOS- und Android Bezahlsysteme die Nase vorn. Ein Klick und der Fingerabdruck genügen, um Online- und In-App Einkäufe zu bezahlen. Ein weiterer Wettbewerbsvorteil, den Apple Pay für sich auf der Habenseite verbuchen kann, ist dass das System auch im physischen Retail einfach und bequem mittels NFC eingesetzt werden kann – und hier steigt die Marktpenetration rasant an. Alles das sind Signale, die PayPal ernst nehmen muss – insbesondere dann, wenn man sieht, dass den 230 Millionen PayPal Accounts 800 Millionen iTunes Accounts gegenüberstehen.

 

Die Frage, die sich PayPal stellen muss, ist die Frage nach der eigenen Kernkompetenz und danach, wie sich der Erfahrungsvorsprung aus den letzten Jahren in weitere Banking Angebote übersetzen lässt. Das heißt nicht nicht nur, dass PayPal im Mobile Payment Geschäft Boden gut machen muss, sondern auch, dass es an der Zeit ist, sich Gedanken über neue Lösungen im näheren Umfeld des eigenen Kerngeschäfts zu machen. Als IBM erkannt hat, dass sich der Hardware-Markt in einen Preismarkt mit hohem Margendruck verwandeln würde, hat sich die Firma konsequent vom eigenen Hardware Geschäft verabschiedet, um das eigene Know-how zu 100% auf die IT-Beratung zu konzentrieren und dort zu kapitalisieren. Denn Erfahrung und Know-how lassen sich nicht so schnell kopieren und weiterentwickeln. “Success breeds Failure”: PayPal braucht eine mutige Vision für die eigene Zukunft, um nicht das nächste Nokia zu werden.

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