Agenda 32/15

Am 04.08.2015 von Haruki

Der neue Merck Accelerator: Wenn du es baust, werden sie kommen

2018 wird die Firma Merck, der älteste Pharmakonzern der Welt, ihren 350. Geburtstag feiern. Das Unternehmen startet in diesem Zusammenhang eine Reihe architektonischer und inhaltlicher Initiativen, die die Innovationskraft des Unternehmens steigern oder zumindest institutionalisieren sollen. Eine dieser Initiativen ist der Merck Accelerator innerhalb des neuen firmeneigenen Innovation Center am Standort Darmstadt. Es soll Startups aus den Bereichen Health Care, Life Science, Performance Materials und IT eine Heimat und ein kreatives, kompetentes Umfeld mit Zugang zu finanziellen, personellen und infrastrukturellen Ressourcen bieten. Der Konzern hat ein Paket geschnürt, mit dem er versuchen will, junge Startups an den Standort Darmstadt zu locken. Die Bewerbungsphase läuft noch bis zum 14. August 2015.

 

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Quelle: http://www.merck.de/de/innovation/innovation_center/innovation_center.html

 

Für viele Innovationsthemen sind Heterogenität und Interdisziplinarität des Teams entscheidende Erfolgsfaktoren im Entwicklungsprozess. Jedoch wird in der Pharmabranche anders gearbeitet und innoviert als z.B. in Co-Working Spaces. Die Entwicklung neuer Wirkstoffe oder neuer Medikamente braucht eine spezialisierte Infrastruktur und ist an feste Abläufe, Auflagen und marktspezifische Prüfverfahren gekoppelt. Solche Entwicklungsprozesse durchlaufen immer drei strukturgebende Phasen: die vorklinische und klinische Phase und die Testphase nach der Zulassung des Medikaments. In der vorklinischen Phase werden verschiedene chemische Stoffe auf Wirksamkeit und Verträglichkeit getestet, sowie die Möglichkeit einer industriellen Herstellung. In der zweiten Phase werden ausgewählte Wirkstoffe an Probanden getestet. Verlaufen diese Tests erfolgreich, erfolgt die Zulassung des Wirkstoffes als Medikament. In der sich anschließenden dritten Testphase werden mögliche langfristige Nebenwirkungen beobachtet und erforscht.

 

Tatsächlich zielt die Suche des Merck Konzern nach Startups vermutlich weniger auf eine unmittelbare Identifikation neuer Wirkstoffe als vielmehr auf neue Technologien, Services und Herstellungsverfahren, deren Entwicklung einer anderen Struktur und Logik folgt. Für solche Themen ist es von größerer Bedeutung Arbeitsbereiche und eine Arbeitsatmosphäre zu schaffen, die Zusammenarbeit und Wissensaustausch fördern. Die architektonischen Gegebenheiten spielen hier eine Rolle. Ebenso wie der Standort und die Region. Auch deshalb unterhalten die wenigsten deutschen Blue Chips aus der Chemisch-Pharmazeutischen Industrie Inkubatoren in Deutschland. Obwohl einige der größten Unternehmen weltweit hier ansässig sind, gibt es kein Silicon Valley für Health-Tech-Themen in Deutschland. Die Big Player bauen ihre Innovationszentren anderswo: BASF unterhält beispielsweise einen Innovation Campus in Shanghai. Der Schweizer Novartis Konzern ist mit seinem Novartis Campus in Basel geblieben. Und internationale Größen schlagen ihre Zelte in den großen Weltmetropolen auf: Johnson & Johnson unterhält Innovation Center in Shanghai, London, Boston und Palo Alto. Ist Deutschland als Standort zu unattraktiv? Oder nur als Absatzmarkt zu unbedeutend?

 

Der Merck Konzern bleibt seiner Heimat Darmstadt treu. Nicht einmal nach Berlin hat es ihn verschlagen, geschweige denn ins Silicon Valley. Tatsächlich macht es sich Merck mit dieser Entscheidung nicht leicht. Denn auch wenn die angebotenen Räumlichkeiten und Förderprogramme attraktiv sind, zieht es junge, innovative Köpfe tendenziell eher in die Städte, die sich bereits eine dynamische Startup-Szene aufgebaut haben – eben nach Berlin, London oder New York. Wer die Besten will, braucht die besten Argumente.

 

Argumente hat der Merck Konzern: In einem so speziellen, wissens- und ausbildungsintensiven Bereich wie Health Tech und Life Science kann sich die Erfahrungsdichte, die sich aus der Konzentration verwandter Bereiche ergibt, positiv auswirken. Wahrscheinlich ist sie sogar gewinnbringender als die sonst so hoch gehaltene Interdisziplinarität. Als Positivbeispiel für Merck kann der Bayer Konzern mit seinem „Grants4Apps Accelerator“ dienen. Der ist zwar in Berlin angesiedelt, aber das liegt auch gerade mal 550 km von Darmstadt entfernt. Keine Distanz, in einem globalen Spiel.

 

Noch läuft die Bewerbungsphase. Und wer weiß, an welchen Entscheidungskriterien Health Tech und Life Science Startups ihre Entscheidungen letztlich festmachen? Wir drücken dem Merck Accelerator die Daumen. Und Darmstadt – auf seinem Weg in die erste Liga.

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