Agenda 30/15

Am 22.07.2015 von Haruki

Beme: Der Hype um eine App, die eigentlich eine implizite Kritik am Code sozialer Medien ist

Von Johann Wolfgang von Goethe stammt das Zitat: “Zwei Werte kennt der Mensch. Den einen kennt er aus sich selbst, den anderen muss er erfragen.” Demnach ist unsere Identität nicht nur etwas, das wir aus uns selbst heraus erkennen oder besitzen. Sie ist gleichzeitig etwas, das sich im Dialog mit einem Gegenüber und in der Anerkennung durch die Gesellschaft bildet. Dieses Konzept und Verständnis von Identität hat in unserer digitalen Gegenwart nichts von der Relevanz verloren, die es im 18. Jahrhundert inne hatte. Im Gegenteil: Wendet man Goethes Zitat auf die Motivationen und Verhaltenscodes an, die heute das Verhalten in Sozialen Medien prägen, besitzt er eine gleichsam universelle Gültigkeit. Soziale Medien geben uns die Möglichkeit ein idealisiertes Selbstbild zu entwerfen und zu entwickeln. Als pseudeo-authentische Kunstfiguren manifestieren wir unsere Selbstprojektion in der Kommunikation und Interaktion mit anderen. Facebook, Twitter, Instagram, Pinterest und Co. sind Channels, in denen sich unser konstruiertes Ich auf eine Art und Weise verbreitet und im Feedback des Kollektivs beglaubigt, die fast schon als professionell bezeichnet werden kann. Denn Reichweite ist etwas verführerisches. Vor allem, wenn sie sich in Form digital überformter “Freundschaft” emotionalisieren und multiplizieren lässt. Unser Social-Media Ich übernimmt heute fast schon messianische Funktion, indem es uns und andere von uns selbst erlöst. Wieviele Follower hast du eigentlich? Oh, Daumen hoch: Gefällt mir.

 

Da diese Reichweite allen Beteiligten zur Verfügung steht, ist es erforderlich, dass wir die Prozesse, mit der wir Zustimmung und Ablehnung ausdrücken, optimieren. Vor allem an den Rändern unseres Systems, wo uns die handelnden Akteure unvertrauter werden, muss die Zeit, die uns für die Entscheidung bleibt was wir mögen und was nicht, verkürzt werden. Tinder ist ein passendes Beispiel dafür. Mit einem Swipe selektieren wir hier diejenigen, die uns gefallen von denen, die uns nicht gefallen mit maximaler Effizienz. Aber irgendetwas bleibt in dieser Welt auf der Strecke.

 

Je bewusster wir uns aber dieser Verhaltenscodes und der ihnen innwohnenden Wirkmechanismen werden, desto mehr befällt uns eine Art Selbstekel, der aus dem der Wunsch erwächst, sich dieser Form der Selbstinszenierung zu entledigen, sich wieder echt und ehrlich zu machen, Kante zu behalten und zu zeigen statt sich in allgemeinem Wohlgefallen aufzulösen. Es ist ein Wunsch nach mehr Authentizität, der viele vormals begeisterte Facebook User heute verstummen lässt. Das Private toleriert das Authentische und die eigenen Ecken und Kanten eher als der öffentliche Raum. Und so wird Facebook als Plattform gerade umcodiert: zu einer Art privatem Gruppen-Chat.

 

Dass die Kritik an Sozialen Medien auch anders ausfallen kann, nämlich konstruktiv gestaltend, zeigt der Blogger, Social-Media-Experte und Entrepreneur Casey Neistat. Seine neue App “Beme” (sprich: Biem), löst derzeit einen regelrechten Hype aus. Die App wird in den Kontext anderer Apps wie Periscope oder Snapchat gestellt. Sie erlaubt das Teilen unmittelbarer Eindrücke und das Erleben des unmittelbaren Feedbacks durch diejenigen, die uns folgen. Frage: Tun das nicht alle Sozialen Medien? Doch, irgendwie schon. Aber Beme ist tatsächlich anders.

 

Eine Momentaufnahme:

Ich drücke mir das Smartphone an die Brust. Eine Geste, die mir bekannt vor kommt: Hand auf’s Herz. In der analogen Welt will sie ausdrücken, dass ich meine, was ich sage. Ein Körperzeichen, das Aufrichtigkeit signalisieren will. Sie stiftet eine Art Verbindlichkeit und Nähe – in diesem Fall zwischen mir selbst und dem, was das Smartphone nun fünf Sekunden lang aufzuzeichnen beginnt. Der “Nähesensor” des Smartphones hat die Aufzeichnung aktiviert. Der Clip wandert ins Netz, sichtbar für alle die mir folgen. Sie können sich ansehen, was ich aufgezeichnet habe. Genau einmal. Wie im richtigen Leben, für das es auch kein nicht-mediales Aufschreibesystem gibt. Wenn sie wollen, werden sie mir ihr Feedback senden. Nichts, was sie sich ausgedacht haben; keinen klugen Kommentar. Sie würdigen meine Aufrichtigkeit ihrerseits mit Aufrichtigkeit und teilen mit mir den Gesichtsausdruck, den sie beim Ansehen des Videos eben hatten. Auch ich kann diesen Gesichtsausdruck nur einmal sehen: ein einziges Mal. Keiner von uns hatte die Möglichkeit sein eigenes Video vorher zu redigieren: Ich weiß nicht, was ich aufgenommen habe, ehe ich es teile – und habe so nicht die Möglichkeit es inszenatorisch zu verfälschen oder eine beabsichtigte Wirkung zu erzielen. Und auch meinen Followern wird die Möglichkeit verweigert, ihren Gesichtsausdruck beim Ansehen des Videos im Sinn einer zu erzielenden Wirkung umzugestalten.

 

Das Ergebnis:

Die Videos sehen irgendwie nicht so gut aus, wie die in anderen Social-Media-Kanälen. Und auch der Gesichtsausdruck sendet keine eindeutig zu decodierende Message. Es gibt auch keinen Subtext, der wörtliche und tatsächliche Bedeutung nachvollziehbar zueinander in Bezug setzt: Kein Emoticon, kein Like, nichts. Aber: Video und Gesichtsausdruck – beide zeigen was ist, nicht was sein sollte. Und irgendwie ist das eine Revolution. Zumindest in Sozialen Medien. Fast fühle ich mich hoffnungsvoll. Vielleicht waren unsere ersten Versuche, Soziale Medien zu verstehen, ja Irrtümer. Vielleicht gibt es einen anderen Weg, sich mitzuteilen. Ohne Absicht. Ohne Kalkül. Ohne Ziel. Nur einfach so: Teilen. Mitteilen.

 

Casey Neistat präsentiert mit “Beme” den Gegenentwurf zu einem mittlerweile etablierten sozialen Interaktionsprotokoll. Er tauscht die Möglichkeit zur (Selbst)Gestaltung ein gegen die Ehrlichkeit des Moments. Es ist eine Ehrlichkeit, die nicht nur die Ästhetik der Bilder und Videos betrifft, sondern die eine neue Art von Beziehung zwischen den Usern stiftet. Doch: Ist diese Beziehung nützlich? In irgendeiner Form? Ist diese App irgendwie wirtschaftlich sinnvoll? Womit wird hier Geld verdient? Von wem? Was soll das eigentlich?

 

Wird Beme erfolgreich sein? Als App vielleicht nicht. Als Gegenentwurf zum Status Quo ist sie es schon.

Danke, Casey Neistat.

 

 

Artikel kommentieren

Ähnliche Beiträge