Agenda 29/15

Am 13.07.2015 von Haruki

Connected Car: Die Vision vom vernetzten Auto braucht ein besseres Verständnis des vernetzten Users

Geht es dieser Tage um die Zukunft des Automobils und der Automobilbranche kommen meist Themen wie “Elektromobilität” oder das “selbstfahrende Auto” zur Sprache. Ein drittes Thema, das bereits die Gegenwart der exklusiveren Automobilhersteller wie Audi, BMW und Mercedes prägt, ist die Vision vom “vernetzten Auto”. An dieses Thema sind große Erwartungen geknüpft, die sich auf neue und Wachstum versprechende Wertschöpfungsmöglichkeiten beziehen. Auch deshalb sind diese Wertschöpfungsbereiche nicht unumkämpft: Apple, Google und Co. mischen als Smartphone-Giganten ebenfalls in diesem Markt mit. Sie sind es, die gemeinsam mit ihren eigenen und fremden Entwicklern die aktuellen Standards setzen, die Konsumentenerwartungen prägen, wenn es um digitale Services geht. Und tatsächlich kommt man nicht umhin festzustellen: Wenn es um Themen wie Connectivity und Service Design geht, sind Automobilkonzerne oftmals Fremde im eigenen Land. Als “letzten weißen Fleck” des Internets bezeichnet Sebastian Schaal in seinem Artikel für die Wirtschaftswoche das Automobil und bezieht sich damit auf die vielen Potenziale, die das Auto als Lebensraum bietet, die noch nicht gehoben sind.

 

Natürlich hat das Digitale die Automobilbranche längst erreicht. Autos sind heute fahrende Computer. Längst hängen Fahr- und Assistenzsysteme, Komfort und Sicherheit nicht mehr hauptsächlich von den verbauten Materialien und der “Hardware” ab, sondern eben auch von den Fähigkeiten des Boardcomputers. Diese Systeme sind jedoch häufig unsichtbar und Fahrer wie Beifahrer profitieren eher mittelbar von ihren Fähigkeiten. Spürbar werden nur die Systeme, die sich unmittelbar auf das Fahrerlebnis beziehen: Abstandswarner, Spur- und Bremsassistenten, intelligente Lichtsysteme. „Das Produkt wird immer mehr zur Software“ sagt Oliver Kelkar, Chef der Abteilung Innovationsmanagement der Porsche Tochter MHP. Innovationen manifestieren sich immer weniger in Technik und Material, sondern in Softwarediensten und in Services aus der Cloud. Bereits 2020, so schätzt es die britische Analyse-Plattform BI Intelligence, werden 75 Prozent der in diesem Jahr weltweit ausgelieferten 92 Millionen Autos grundsätzlich zu einer Internetverbindung fähig sein. Beispiele, was die Autobauer planen bzw. was Autocockpits zum Teil schon heute können, gibt es hier. Ziel ist es, ein „durchgängiges digitales Kundenerlebnis“ zu schaffen, sagt Peter Schwarzenbauer, Vorstand der Abteilung Aftersales bei BMW. Das Auto soll in Zukunft nahtlos mit dem individuellen digitalen Leben des Kunden vernetzbar sein: Daten von Smartphone und anderen Devices sollen barrierefrei integrierbar sein.

 

Und genau hier tun sich die Automobilkonzerne heute noch schwer. So gerne sie sich gegenüber den rein digitalen Playern auf ihren Erfahrungsvorsprung im Automobilbau berufen – die Schnittstelle zum User und die Entwicklung von nutzerzentrierten Services sind nicht ihre Kernkompetenz: Der Moment, in dem der User nicht mehr nur Fahrer, sondern eben auch Nutzer mobilitätsunabhängiger digitaler Services ist, markiert die Schwelle, an der die Kompetenz von Apple, Google und Co. denen der Automobilkonzerne überlegen ist. In der Formulierung seiner Vision bezieht sich Schwarzenbauer auf das Kundenerlebnis. Das Verständnis, wie wichtig eine konsequente Nutzerorientierung in der Entwicklung digitaler Interfaces und Vernetzungsangebote ist, ist ein Grund, warum BMW derzeit im digitalen Wettstreit der Automobilkonzerne vorne mitmischt. Dennoch: Die momentane Nachfrage und der mäßige Kundenzuspruch zeigen, dass das Ende der Fahnenstange hier noch nicht erreicht ist. Zwar bieten die neuen Autos viele zusätzliche Funktionen, doch echte Mehrwerte entstehen daraus noch zu selten. Die Vernetzung des Automobils hat nicht zwingend einen Nutzen aus sich selbst heraus. Und noch wird der Diskurs zu stark technologiegetrieben geführt. Doch vom Nutzer aus zu denken, heißt in Use Cases zu denken und Erwartungshaltungen des Nutzers auch dann abzubilden, wenn er nicht in erster Linie Fahrer ist. Die Automobilbranche vernachlässigt derzeit bei der Entwicklung digitaler Services Hygienefaktoren, weil sie nicht bereit ist, Services abzubilden, die zwar für den User, nicht jedoch für den Hersteller unmittelbar wertschöpfend werden. Geht sie diesen Weg weiter, wird sie sich die digitale Wertschöpfung im Auto und im Kontext von Mobilität perspektivisch mit den Smartphone-Herstellern teilen müssen.

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