Agenda 28/15

Am 08.07.2015 von Haruki

Von den Niederlanden im Gesetz verankert: Das Recht auf Arbeiten im Home Office

Zum 1. Juli trat in den Niederlanden ein Gesetz in Kraft, das Arbeitnehmern das Recht zuspricht, von Zuhause aus zu arbeiten. Mitarbeiter müssen zwar weiterhin einen Antrag auf Arbeit im Home Office stellen, der Arbeitgeber kann den Antrag aber nur noch ablehnen, wenn schwerwiegende Sicherheitsrisiken, unlösbare Probleme bei der Dienstplanung oder untragbare finanzielle Aufwände dagegen sprechen. Die Beweislast, dass die Arbeit zwingend im Büro erledigt werden muss, liegt in den Niederlanden nun beim Arbeitgeber.

 

Die Vor- und Nachteile der Arbeit im Home Office werden intensiv diskutiert: Während es Selbständige, Freiberufler und kleine Startups zunehmend in Coworking Spaces zieht, weil sie sich mehr Austausch mit anderen wünschen, wünschen sich viele Angestellte die Freiheit, auch von Zuhause aus arbeiten zu können. Trotzdem wäre in Deutschland eine vergleichbare Regelung wie in den Niederlanden wohl noch nicht denkbar. Wie eine Umfrage unter 1.500 Geschäftsführern und Personalleitern des Digitalverbands Bitkom vom Februar diesen Jahres zeigt, steigt in Deutschland zwar insgesamt die Bedeutung der Heimarbeit, aber auf sehr niedrigem Niveau: In 75 Prozent der Unternehmen besteht grundsätzlich für alle Mitarbeiter Anwesenheitspflicht. 70 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass der klassische Büroarbeitsplatz auch in Zukunft nicht an Bedeutung verlieren wird.

 

Die wachsende technologische und digitale Infrastruktur erlaubt es gerade Wissensarbeitern von überall aus zu arbeiten. Der Wunsch nach mehr Flexibilität, nach einer optimierten Work-Life-Balance und mehr Selbstautonomie bestärken die Forderung der Arbeitnehmer auch von Zuhause oder von anderen Orten ihrer Wahl aus zu arbeiten. Eine Umfrage der US-Designberatung Gensler aus 2013 fand heraus, dass das dringlichste Bedürfnis unter Arbeitnehmern das nach mehr Ruhe am Arbeitsplatz ist, was ebenfalls für das Arbeiten von Zuhause spricht, ohne das Hintergrundrauschen eines Großraumbüros.

 

Das Hauptargument gegen das Arbeiten im Home Office ist wohl die Wertschöpfung, die durch den Wissensaustausch, durch das persönliche Zusammentreffen an realen Orten entsteht und die sich nicht durch einen digitalen Austausch substituieren lässt. Denn keine digitale Infrastruktur bietet die Möglichkeit des “zufälligen Gesprächs”, der Interaktion oder der Möglichkeit sich aus einem kollektiven Impuls heraus zu einer Arbeitsgruppe zusammenzuschließen ohne das “Hintergrundrauschen” gleichzeitig wieder zu erhöhen. Dass der physische Arbeitsort auch in der global vernetzten Welt immer noch von großer Bedeutung für Zusammenarbeit und Wertschöpfung ist, zeigt auch das Beispiel des Internetkonzerns Yahoo: CEO Marissa Mayer führte Anfang 2013 die Anwesenheitspflicht für alle Mitarbeiter wieder ein, nachdem die Angestellten zuvor jahrelang ihren Arbeitsort frei bestimmten durften. Auch der Real Estate Project Executive von Google Deutschland, Jason Harper, lehnt die Arbeit im Home Office ab: “Wir brauchen ein Büro, denn der Mensch ist letztendlich ein soziales Wesen.” Der persönliche Kontakt lässt sich nicht technologisch reproduzieren; zumindest nicht ohne Reibungsverluste oder eben das Fehlen von Reibung in Kauf nehmen zu müssen. “Momentan ist eine Face-To-Face-Unterhaltung durch nichts zu ersetzen“, sagt Harper.

 

Die Schwierigkeit entsteht aus der Notwendigkeit für den Arbeitgeber, das Thema “Home Office” zu regeln und darüber zu einer allgemein gültigen Handhabung zu gelangen. Das sinnvollste Arbeitsumfeld ist aber durch die jeweilige Aufgabe definiert und nicht durch eine allgemeine Regelung. Somit ist weder ein konsequentes Bekenntnis zum Home Office noch die rigorose Anwesenheitsverpflichtung der Idealfall. Dass Mitarbeiter autonom entscheiden, welche Aufgabe welches Arbeitsumfeld erfordert, ist möglich und grundsätzlich wünschenswert. Voraussetzung dafür ist aber eine vollständige und transparente Informationslage auf Seiten des Mitarbeiters und ein hohes Maß an Eigenverantwortung. Ein höheres Maß an Autonomie geht grundsätzlich mit mehr Verantwortung oder mit personengebunden Zielvereinbarungen einher.

 

Für Unternehmen ist das wünschenswerteste Szenario, dass Mitarbeiter aktiv das Büro dem Home Office vorziehen. Das bedeutet aber, dass sich Selbstbestimmung und Autonomie genauso wie konzentriertes, ungestörtes Arbeiten im Unternehmen durchsetzen lassen. Bezogen auf das Management des Arbeitsplatzes bedeutet das die Notwendigkeit, räumliche Strukturen zu schaffen, die Rückzug und Austausch gleichermaßen zulassen. Ein Paradebeispiel für eine gelungene Umsetzung ist das Pilot-Projekt der Credit Suisse in Zürich: Dort wurden für die 215 Mitarbeiter lediglich 158 Schreibtische eingerichtet, der dadurch gewonnene Raum wurde zu Ruhezonen, Kaffeebars, Leseräumen und Coworking Areas umgestaltet. 76 Prozent der Mitarbeiter empfanden die Umgestaltung ihrer Arbeitsumgebung als ein Zeichen außergewöhnlicher Wertschätzung. Immerhin 87 Prozent gaben an, stolz auf ihr Büro zu sein. Eine aktive Gestaltung der Arbeitsumgebung wirkt sich mittelbar nicht nur auf die Motivation der Mitarbeiter, sondern gleichzeitig auf deren Produktivität aus. Vielleicht will das Gesetz aus den Niederlanden hier einen zusätzlichen Anreiz für Unternehmen schaffen, indem es die Arbeitsplatzgestaltung indirekt zu einem gestaltbaren Kriterium im “War for Talent” macht.

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