Agenda 26/15

Am 22.06.2015 von Haruki

Wie die Beacon-Technologie Verkaufslogiken des Online-Handels in den stationären Handel tragen will

Die meisten Kunden kaufen weder ausschließlich online noch ausschließlich offline ein, sondern wechseln zwischen stationärem Handel und E-Commerce. Die Bluetooth-Technologie der sogenannten Beacons verspricht nun, dass der stationäre Handel digitaler wird und Verkaufstechniken, die bisher nur online funktionierten, sich zunutze machen kann. Wie die Beacon-Technologie grundlegend funktioniert, haben wir bereits in einem Artikel vom März diesen Jahres beschrieben.

 

Folgende Use-Cases sind momentan für den stationären Handel vorstellbar: z.B die digitale Produktsuche auf der Retailfläche. Sucht ein Kunde ein bestimmtes Produkt, kann er dies in der App, die mit den Beacons kommunizieren kann, eingeben und sich im stationären Handel direkt zum Produkt navigieren lassen. Auch Curated Shopping und personalisierte Angebote ganz ohne einen Verkäufer sollen offline möglich werden. So sollen dem Kunden, je nach Abteilung, in der er sich gerade aufhält, konkrete Kleidungskombinationen vorgeschlagen werden oder ihm andere passende Verkaufsempfehlungen aufgrund von vorangegangenen Käufen gegeben werden. Ebenso kann eine Check-out-Vermarktung erfolgen, indem der Kunden nach der Bezahlung z.B. darüber informiert wird, wann die neue Kollektion des Labels von dem er gerade ein Produkt gekauft hat, erscheint oder ihn darauf hinweist, bei welchem Handelspartner er die passenden Schuhe zum eben erworbenen Anzug bekommt.

 

14522877946_189a9f5cbd_o

Quelle: www.filckr.com, Photographer: Khanes Athiratanakran

 

All diese Möglichkeiten klingen sehr vielversprechend. Doch sie werfen auch einige Fragen auf: Um beispielsweise kuratierte und personalisierte Angebote und Vorschläge machen zu können, braucht die App Informationen zu den Präferenzen des Kunden und seinem Einkaufsverhalten. Woher erhält die App dieses Wissen? Allein aufgrund der Einkaufshistorie des Kunden in dem betreffenden Geschäft oder wäre es möglich, dass große Onlineshops wie Zalando künftig ihr Wissen über einzelne Kunden für die Programmierung von Beacon-Apps an den stationären Handel verkaufen?

 

Für Produktvorschläge, die Produktsuche und das Navigieren durch das Geschäft, muss die App nicht nur das gesamte Produktsortiment und den aktuellen Warenbestand des Stores kennen, sondern auch die Laufwege und Warenplatzierungen. Für Filialisten bedeutet dies, dass sie jede einzelne Fläche in ihrer App hinterlegen und eine Schnittstelle zum Warenwirtschafts- und Kassensystem schaffen müssen (wobei dann noch nicht sicher gestellt ist, ob sich das Produkt vielleicht gerade im Einkaufskorb eines anderen Kunden befindet). Und muss der lokale Einzelhändler dann seine eigene App für die Beacons programmieren lassen? Hier drängt sich die Frage auf, ob der Kunde wirklich bereit ist, sich für jedes stationäre Geschäft eine eigene App auf sein Smartphone zu laden? Die andere Möglichkeit wäre, und das ist auch nötig wenn Produktempfehlungen von Handelspartnern gegeben werden sollen, dass sich mehrere Geschäfte zusammenschließen und  eine gemeinschaftliche App entwickeln. Denkt man dieses Szenario weiter, ist es wahrscheinlich, dass sich aufgrund des Netzwerkeffekts große Zusammenschlüsse für eine App herausbilden. Dadurch fördern sich wahrscheinlich die etablierten Filialisten gegenseitig, die kleinen Ladengeschäfte, für die die Beacon-Technologie aufgrund des kleinen Produktsortiments und dem unweigerlichen direkten Verkäuferkontakt nutzlos ist und die somit von dem Bündnis ausgeschlossen sind, kommen dadurch möglicherweise in zusätzliche Bedrängnis.

 

Damit all die Hinweise, Vorschläge und Angebote die durch die Beacons möglich werden den Kunden auch erreichen, setzt das grundlegend voraus, dass der während seines Besuchs im Laden sein Smartphone ständig in der Hand hält und die Push-Nachrichten der Beacon-Apps auch unmittelbar zur Kenntnis nimmt. Ist das realistisch? Und führt das wirklich zu einem besseren Einkaufserlebnis?

 

Noch scheint das Konzept der Beacons nicht ganz zu Ende gedacht zu sein. Inwieweit und wann sich die Technologie im stationären Handel durchsetzen wird, gilt es abzuwarten. Fest steht, dass für ein wirklich nutzenstiftendes Einkaufserlebnis sinnvolle Schnittstellen und intelligente Datenverknüpfungen geschaffen werden müssen.

Artikel kommentieren

Ähnliche Beiträge