Agenda 23/15

Am 01.06.2015 von Haruki

Die deutsche Antwort auf Paypal: “Pay Direkt” als gemeinsame Front für mehr Sicherheit

Im Februar diesen Jahres wurde bekannt, dass die deutschen privaten und genossenschaftlichen Banken einen eigenen, institutsübergreifenden Online-Bezahldienst planen und so Paypal Konkurrenz machen wollen. “Pay Direkt” soll der Dienst heißen, der Ende 2015 starten soll. Das neue Branding von “Pay Direkt” wurde gestern vorgestellt und ganz fertig sieht es noch nicht aus. Die Vision: Das deutsche Pendant will ein Paypal Klon sein. Nur sicherer. Und konsequenter Weise bietet der Dienst deshalb auch wenig Neues. Eigentlich gar nichts. Wie bei Paypal auch, sollen Käufer über Benutzername und Passwort bezahlen können; der Rechnungsbetrag wird vom Konto abgebucht. Es gibt einen Käuferschutz, also eine Geld-Zurück-Garantie, wenn die Lieferung Mängel hat, sowie eine Zahlungsgarantie für den Händler. Damit “Pay Direkt” sich in Zukunft auf Augenhöhe mit dem amerikanischen Wettbewerber bewegen kann, müssen perspektivisch noch ein paar Funktionen addiert werden: wie etwa den Kauf per Rechnung oder Ratenzahlung, Zahlungen zwischen Privatpersonen oder eine Smartphone-App mit der man auch an der Ladenkasse bezahlen kann. Schließlich gilt Mobile Payment als großer Zukunftstrend.

 

Die Initiative ist richtig bis überfällig. Und die Anbahnung dieser gemeinschaftlichen Anstrengung war schwer genug. Deshalb zeigen sich die beteiligten Institute zunächst selbstbewusst und glauben fest daran, dass das neue Verfahren allein aufgrund des angestrebten Sicherheitsniveaus Paypal vorgezogen werden wird. Der Mehrwert: Zahlungen werden nicht mehr über einen anonymen Dritten abgewickelt, sondern direkt über die eigene Hausbank. Vertrautheit schafft Vertrauen. Paypal wird von seinen weltweit 16 Millionen Nutzern ebenfalls als sehr sicher angesehen und genießt ein hohes Maß Vertrauen. Die Frage ist also, ob sich “sicher” steigern lässt? Vielleicht zu “wirklich sicher”. Und mit wem wollen wir unsere Daten lieber teilen? Mit einem Fremden aus Amerika oder jemandem, der uns bereits kennt?

 

Man traut sich kaum, Pay Direkt zu kritisieren. So sehr braucht der Markt, bzw. die deutschen Banken diesen Vorstoß. Was uns aber wenig vergnüglich stimmt, sind die Möglichkeiten, die man zu verpassen droht, wenn man nicht zeitgleich bereit ist, zu einem neuen Serviceverständnis zu finden. Dabei gäbe es so viele Möglichkeiten, Online-Banking und Digital oder Mobile-Payment aufzuwerten. Mit den Informationen über das Bezahl- und Einkaufsverhalten ihrer Kunden könnten Banken so viel mehr tun als sich darauf zu beschränken, den Status Quo aufrecht zu erhalten. Sie könnten uns ermöglichen, automatische Übersichten für bestimmte Kostengruppen zu erstellen – wie Wohnen oder Gesundheit. Sie könnten uns Informationen zur Verfügung stellen und Empfehlungen aussprechen, wie wir unser Konsumverhalten sinnvoll optimieren indem sie uns z.B. rechtzeitig informieren, wenn unser Mobilfunkvertrag mal wieder ausläuft, sodass wir nicht schon wieder die 3-monatige Kündigungsfrist verpassen. Stattdessen wird versucht, die EC Karte zu digitalisieren, den Kontoausdruck, das Überweisungsformular. Pate stehen nach wie vor die User-Interfaces, die Banken zur Organisation unseres und des eigenen Geldverkehrs erdacht haben. Denkt man aber vom Nutzer aus, stellt sich auch die Frage nach der User-Experience.

 

Wenn sich schon das Online-Banking seit Jahren nicht weiterentwickelt, ist es vielleicht zuviel erwartet, dass Weiterentwicklung bei einem so kühnen Unterfangen wie einem Online-Bezahldienst gelingen kann. Dass ausgerechnet in einem Bereich, wo man unter Druck steht, weitergedacht würde. Die Initiative der Banken gründet nicht auf einem Service-Gedanken. Banken denken an sich selbst. Und aus Selbsterhaltungstrieb auch an das Geschäft, das ihnen entgeht. Doch die Zeit wird nicht stehen bleiben. Und Kopieren, wird langfristig keine erfolgreiche Strategie sein. Wer in Zukunft eine Rolle spielen will, muss weiterdenken und lernen, Kundenbedürfnisse von morgen zu antizipieren.

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