Agenda 22/15

Am 29.05.2015 von Haruki

Ist das Bargeld bald Geschichte?

Einige Ökonomen, darunter der frühere IWF-Chefvolkswirt Kenneth Rogoff, plädieren schon länger für die Abschaffung des Bargelds: Schwarzarbeit, Drogenkriminalität und Steuerflucht könnten so bekämpft werden, wenn für derartige Transaktionen schlichtweg das Zahlungsmittel fehle. Aber vor allem geldpolitisch wäre die Abschaffung von Münzen und Scheinen interessant: Theoretisch könnten die Zentralbanken so leichter Negativzinsen durchsetzen und darüber die Wirtschaft ankurbeln, da mehr Kredite an Unternehmen und Privatkunden vergeben bzw. in Anspruch genommen würden.

 

In Skandinavien setzen sich schon seit längerer Zeit Gewerkschaften, Banken und Handelsketten für eine Abschaffung des Bargelds ein. Auch, weil sich die Gesellschaft dort verändert hat: Die dänische Notenbank kündigte an, ab Ende 2016 keine neuen Banknoten mehr drucken zu wollen, da ganz einfach die Nachfrage fehlt. Nur noch rund ein Viertel aller Einkäufe im Einzelhandel werden in Dänemark mit Bargeld bezahlt, 1990 waren es noch 80 Prozent. Das dänische Parlament will deswegen und aus eben genannten Gründen der Kriminalitätsbekämpfung den ersten offiziellen Schritt in eine bargeldlose Welt gehen und den bisher geltenden gesetzlichen Annahmezwang von Münzen und Scheinen für bestimmte Einrichtungen wie Restaurants, Tankstellen und kleine Läden aufheben.

 

Wäre ein solches Szenario in naher Zukunft auch für Deutschland denkbar? Geht es nach dem Wirtschaftsweisen Peter Bofinger, würde Bargeld gleich im ganzen Euroraum, in den USA, in Großbritannien und in der Schweiz  komplett abgeschafft. Er beruft sich dabei auf dieselben Gründe wie Rogoff. Der deutsche Verbraucher würde diese Perspektive wohl eher nicht teilen, denn der Umgang mit Bargeld steht hierzulande noch hoch im Kurs: Mehr als die Hälfte der deutschen Konsumenten bezahlt im stationären Einzelhandel in bar.

 

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Quelle: de.statista.com

 

Was macht Deutschland so anders als Skandinavien? Erklärung für die Unterschiede im Bezahlverhalten sind zum einen unterschiedliche Verbrauchergewohnheiten aber auch der Fakt, dass bargeldloses Bezahlen Spuren hinterlässt. Spuren, mit denen umfassende Bewegungs- und Konsumprofile erstellt werden können. Und dem wollen deutsche Konsumenten eher entgehen als skandinavische. Andrea Voßhoff, Bundesbeauftragte für Datenschutz, sagt, die Möglichkeit, Waren und Dienstleistungen bar und damit anonym zu bezahlen sei ein wichtiger Aspekt der informationellen Selbstbestimmung. Auch der Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele sprach sich beim Bargeld-Symposium der Deutschen Bundesbank im Mai letzten Jahres gegen die Abschaffung von Bargeld aus: Bargeld habe eine Transaktions- und auch eine Wertaufbewahrungsfunktion und stehe außerdem einfach für Freiheit. Das war nie richtiger als heute.

 

Vielleicht liegt es ja auch an der demographischen Zusammensetzung unserer Gesellschaft, den älteren Generationen, die nicht mit neuen Bezahltechnologien aufgewachsen sind? Weit gefehlt. Denn Fakt ist, dass auch jüngere Bundesbürger gerne bar bezahlen und sich dies in den letzten Jahren auch kaum geändert hat. Bei den 35-44-Jährigen hat das Barbezahlen in den letzten Jahren sogar ein wenig zugenommen, wie die Studie der Deutschen Bundesbank zum Zahlungsverhalten in Deutschland zeigt:

 

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Quelle: Deutsche Bundesbank (2015): Zahlungsverhalten in Deutschland 2014, S. 33

 

Sicherlich ist die Argumentation von Rogoff, Bofinger und anderen Ökonomen nachvollziehbar und sinnvoll. Und auch im Alltag könnte eine Abkehr vom Bargeld in manchen Situationen eine Erleichterung bedeuten: Zum Beispiel wäre es eine schöne Vorstellung, wenn man an der Supermarktkasse nicht mehr warten müsste, bis die Person, die vor einem bezahlt, endlich das ganze Kleingeld aus dem Portemonnaie geklaubt hat, sondern stattdessen womöglich nur noch durch Swipen bezahlt würde. Doch damit es soweit kommt, müsste der deutsche Verbraucher mehrheitlich diesen Schritt aktiv fordern. Geht man nach den aktuellen Studien, wird das noch einige Zeit dauern. Zumindest in Deutschland.

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