Agenda 20/15

Am 11.05.2015 von Haruki

Rückblick auf die re:publica 2015

Vom 5. bis 7. Mai fand in Berlin wie jedes Jahr die re:publica statt, die Konferenz für die digitale Gesellschaft. Wie bereits im letzten Jahr, stellte sie wieder Rekordzahlen auf: 850 internationale Speaker, 7.000 Besucher und 500 Stunden Programm. Damit gehört sie mittlerweile zu den weltweit wichtigsten Events für digitale Themen. „Finding Europe“ war das diesjährige Motto, bei dem sich viel um ein digital vereintes Europa drehte. Die Konferenz war dadurch weitaus politischer, als die letzten Jahre. “Wir finden es gibt eine ganze Menge Gemeinsamkeiten zwischen Europa und dem Internet. Beides war mal eine sehr positive Utopie, die Brüche bekommen hat”, sagt Markus Beckedahl, Veranstalter und Gründer des Blogs netzpolitik.org.

 

17190766219_9fb72ad42b_k

 

50 Sessions bezogen sich speziell auf das Motto und drehten sich um netzpolitische Themen wie Überwachung und Spionag, Vorratsdatenspeicherung, Netzneutralität und Cyberkriminalität. In diesem Zusammenhang besonders sehenswert ist der Vortrag von Ulrike Guérot, Gründerin und Direktorin des European Democracy Lab an der European School of Governance in Berlin, die über partizipatorische Demokratie in Europa sprachFür allgemeine Enttäuschung sorgten hingegen die mit Spannung erwarteten Punk-Aktivistinnen Pussy Riot, die es leider nicht schafften, oder es schlicht nicht wollten, aussagekräftige Inhalte von sich zu geben und so eine konstruktive Diskussion zu führen.

Das Spannende an der re:publica ist weiterhin, dass sie eine Vielzahl an Themen aus Journalismus, Kultur, Technik, Wirtschaft und Wissenschaft bietet und dass darüber digitale Phänomen und Gewohnheiten aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet und diskutiert werden. In dem Zusammenhang ist beispielsweise die Rede des bekannten polnisch-britischen Soziologen Zygmunt Baumann sehr spannend, der aus soziologischer Sicht zu erklären versucht, warum die heutige Generation so unbeschwert mit persönlichen Daten im Netz umgeht. Baumann, der 1925 geboren wurde betrachtet das Phänomen der Privatsphäre im Internet aus einer zeitlich, soziologischen Sicht und formuliert die These, dass sich die Bedeutung der Privatsphäre fundamental gewandelt hat. Früher wurde Privatsphäre mit Selbstbestimmtheit und einem Wertekosmos von „frei” und “für sich zu sein“ konnotiert, was sie sehr beschützens- und erstrebenswert machte – insbesondere in Zeiten von staatlicher Einmischungen und Überwachung. Diese Facette kennt die heutige Generation kaum. Internetnutzer streben heute danach, gefunden und beachtet zu werden und verbinden mit Privatsphäre eher die Isolation, nämlich „allein” und “vernachlässigt zu sein“. Baumann sagte: „Ausgeschlossen zu werden ist die vorherrschende Angst unserer Zeit.“

Interessant war auch die Subkonferenz mit dem Titel „City of the Future“. Aus einer (häufig) sehr technologischen Sicht wurden hier Zukunftsszenarien zu unterschiedlichen Entwicklungen aufgezeigt: Beispielsweise ging es um Robotik in der urbanen Landwirtschaft, womit sich das deutsche Startup Plants & Machines beschäftigt, um Sensorik in der Stadtentwicklung oder darum, was Urbanisten von Community Managern lernen können.

Auch wenn vielen Besuchern das Motto nicht ganz schlüssig war und es teilweise in den Vorträgen nicht eingelöst fanden, dies zumindest geht aus den vielen Tweets hervor, war die re:publica auch dieses Jahr wieder ein lohnenswertes Event mit einer unterhaltsamen Mischung aus ernsten, amüsanten und nachdenklichen Vorträgen, Diskussionen und Mitmachaktionen. Und die Konferenz und die Besucherzahlen zeigen mal wieder, dass wir längst in einer digitalen Gesellschaft angekommen sind und wir uns nicht länger davor verschließen können. Vielmehr müssen wir uns alle (Unternehmen und Personen) die Frage stellen, welchen Platz wir darin einnehmen und wie wir diesen für uns gestalten wollen. Beinahe alle Vorträge gibt es als Video zu sehen: https://re-publica.de/15/sessions. Es lohnt sich auf jeden Fall, hier zu stöbern.

Artikel kommentieren

Ähnliche Beiträge