Agenda 20/15

Am 11.05.2015 von Haruki

Netflix-Gründer Reed Hastings über die Zukunft des Fernsehens

In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und bei seinem Auftritt bei der diesjährigen re:publica prophezeit der Netflix-Gründer Reed Hastings, wie schon so oft zuvor, das Ende des Fernsehens wie wir es kennen. Feste Fernsehzeiten, wie der Tatort am Sonntagabend, sowie öffentlich-rechtliche Sender im Allgemeinen, gehören seiner Meinung nach bald der Vergangenheit an. Er vergleicht die TV-Sender mit dem Festnetztelefon: Es würde sie noch geben, aber keiner brauche sie mehr, weil alle Smartphones benutzten. Was sollte man auch anderes erwarten von einem Streaming-Anbieter der das Gegenteil des linearen TVs verkörpert? Sicherlich hat Hastings in vielen Punkten Recht: Das Nutzungsverhalten und somit die Bedürfnisse der Konsumenten ändern sich. Unterhaltung aus einem vielfältigen Angebot wann und wo man will, ohne Werbeunterbrechungen, zu moderaten Preisen und flexiblen Kündigungsfristen wie Netflix es bietet, klingt nach einem Traum für jeden Film- und Serienfan.

 

Was fiktionale Inhalte betrifft, die ein internationales Publikum ansprechen und bei denen auch Wiederholungen lukrativ sind, sind Hastings Prophezeiungen mehr als nachvollziehbar. Herkömmliche TV-Sender werden in Zukunft für solche Formate immer unwichtiger werden. Doch das öffentlich-rechtliche Fernsehen funktioniert bekanntlich nach einer anderen Logik als die privaten Sender: Sie finanzieren sich aus den Rundfunkbeiträgen und unterliegen einem öffentlichen Bildungsauftrag, wodurch ihr Programm keinen kommerziellen Auflagen unterliegt. In absehbarer Zeit werden sie von der neuen Konkurrenz, den Streaming-Anbietern, also nur peripher betroffen sein. Hinzukommt, dass immer mehr Sender das Streaming für sich entdecken und in ihren Mediatheken häufig, wenn auch oft zeitlich begrenzt, nahezu das vollständige Programm auch online zur Verfügung stellen.

 

Ein weiterer Grund, weshalb das Fernsehen in naher Zukunft entgegen Reed Hastings Meinung nicht untergehen wird, zumindest nicht in allen Bereichen, ist der gesellschaftliche Aspekt: Tatortschauen ist hierzulande mittlerweile zu einem Ritual geworden, zu dem man sich mit Freunden verabredet und wo zeitgleich hitzige Diskussionen in sozialen Medien stattfinden. Ohne feste Ausstrahlungszeit wäre dies dahin. Ähnlich ist es bei großen Sportereignissen wie Fußballmeisterschaften oder bei Olympia. Der Live- und Eventcharakter ist hier ausschlaggebend und On-Demand ist dabei schlichtweg für die meisten uninteressant, weil man solche Übertragungen am liebsten in Gesellschaft sehen möchte. Trotzdem sieht Hastings Streaming auch hier als die Zukunft an. Doch abgesehen von dem sozialen Aspekt sprechen hier auch die Übertragungsrechte entschieden dagegen: Die Rechte für Sportgroßereignisse sind extrem teuer und die Ausstrahlung nur einmalig interessant, weshalb dies für Anbieter wie Netflix wirtschaftlich schlicht nicht attraktiv sein kann.

 

Somit bleibt festzuhalten: Streaming-Anbieter werden das Fernsehen nicht gänzlich verdrängen, aber sie werden es verändern und zwar gezielt an den Nutzerbedürfnissen ausgerichtet. In Deutschland will Hastings mit Netflix in fünf bis sieben Jahren in jedem dritten Haushalt vertreten sein. Noch ist er davon weit entfernt, doch er ist zuversichtlich: “Bislang liegen wir voll im Zeitplan. So lange hat die Entwicklung in Amerika gedauert, und das schaffen wir auch in Deutschland.” Wir können jedoch davon ausgehen, dass nicht nur die öffentlich-rechtlichen Sender, sondern dass insbesondere auch die Vielzahl der privaten TV-Sender, die jeder frei empfangen kann, ihr Angebot an die veränderten Nutzerbedürfnisse weiter anpassen werden. Denn die Erfahrung zeigt, dass diese Sender garantiert nicht seelenruhig zuschauen werden, wenn ihre Seherschaft mehr und mehr zu Streamingdiensten abwandert und noch sie diejenigen sind, die den Marktzugang zu den Kunden schon flächendeckend haben.

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