Agenda 19/15

Am 04.05.2015 von Haruki

Windows 10: Von „Mobile First“ zu „Multi-Screen First“

“Mobile First” ist die Maxime, die die Software-Entwicklung derzeit dominiert. Die lange Ära der Desktop-PCs scheint endgültig vorbei zu sein und manch ein Pessimist sieht bereits die letzten Tage des Notebooks anbrechen. Die Zukunft gehört den Touchscreen basierten Devices wie Smartphones und Tablets – so der vorherrschende Glaube. Doch für wie lange? Denn “Augmented Reality”-Brillen erreichen mittlerweile Marktreife und noch weiß niemand so genau, inwieweit sie unseren Medienkonsum erneut verändern werden. Wir können feststellen: Unsere Mediennutzung ist in ständiger Veränderung begriffen und wird sich auch in Zukunft stetig wandeln. Technische Innovation münden in immer neue Verwendungsmuster, die neue Konsumverfassungen induzieren oder adressieren.

 

Unsere Mediennutzung wird vielfältiger. Schon heute nutzen wir in unterschiedlichen Kontexten wie selbstverständlich unterschiedliche Devices. Unsere Arbeit verrichten wir am Laptop, mit Freunden kommunizieren wie über das Smartphone, Klamotten shoppen wir am liebsten mit dem Tablet und zum Spielen wird die Konsole herausgekramt. Jedes Device bietet einzigartige Qualitäten und Vorteile, die es für eine bestimme Verwendungssituation besonders geeignet erscheinen lassen. Und trotzdem entwickeln sich diese komplementären Geräte immer weiter aufeinander zu: Fernseher werden Smart, Desktops-PCs werden mit Touchsceens ausgestattet etc. Da erscheint der Grundsatz „Mobile First“, fast schon als künstliche Einschränkung. Wenn Anwendungen in Zukunft auf allen Devices stattfinden und eine einheitliche Experience liefern sollen, kommt Faktoren wie Universalismus und kontextuelle (An-)Passungsfähigkeit in der Softwareentwicklung wachsende Bedeutung zu.

 

Ein solches oder so ähnliches Bild der Zukunft scheint auch den Entwickler von Microsoft Pate zu stehen: Auf der diesjährigen “BUILD” stellten sie die neueste Version ihres aktuellen Betriebssystems Windows 10 vor. Schon die Zehn im Namen irritiert, vertrauen Nutzer doch zur Zeit noch auf die achte Version von Windows. Der direkte Sprung auf die Zehn gilt als symbolischer Ausdruck dafür, dass man mit Windows einen neuen Weg beschreiten will. Statt weiterhin Geld mit dem Verkauf aktualisierungsbedürftiger Betriebssysteme zu verdienen, will Microsoft mit Windows 10 eine neue Vision verfolgen, die Windows sukzessiv zur Servicebrand entwickeln soll. Konkret heißt das, dass Windows 10 das letzte und einzige Betriebssystem von Microsoft bleiben soll. Der spannende Gedanke dabei: Windows 10 soll als universelles Betriebssystem auf allen Devices Anwendung finden – auf stationären Geräten wie PCs oder der Xbox, auf mobilen Devices, für Anwendungen aus dem Kontext „Internet of Things“ oder sogar Open-Source-Projekten wie z.B. auf der Plattform „Arduino“. Darüber soll ein vernetztes Ökosystem geschaffen werden, das sich konsequent zu einer Multi-Screen Welt bekennt. Dreh und Angelpunkt sind sogenannte „Universal Apps“, die auf allen Geräten nutzbar sind. Einmal im App-Store bezahlt und gedownloaded, können sie auf jedem Screen aufgerufen werden. Neu daran ist, dass sich die Apps in Form und Gestalt sowohl dem aktuell genutzten Device anpassen als auch an angeschlossene Eingabegeräte. Wird beispielsweise eine Maus und Tastatur an ein Tablet angeschlossen, wandelt sich die App automatisch von der mobile zur Desktopdarstellung. Das Appdesign soll in Zukunft immer der aktuellen Bedarfslage des Nutzers folgen und für ihn das jeweils angenehmste und effizienteste Nutzungserlebnis schaffen. Um potentiellen Nutzer den Umstieg auf Windows 1o zu erleichtern, gab Microsoft nun bekannt, dass ältere Apps die in “Java”,  “C++” oder “Objective C” geschrieben wurden, mit nur wenigen Klicks in der Entwicklungsumgebung „Visual Studio“ in eine „Universal App“ kompiliert werden können. So können Umsteiger auch weiterhin ihre lieb gewonnenen Programme nutzen.

 

Was steht hinter diesem Kurswechsel von Microsoft? Vermutlich ist es eine konsequente Reaktion auf unsere zunehmend komplexe und vernetzte Mediennutzung. Wem es gelingt, den Nutzer in einem geschlossenen Ökosystem zu binden und alle Schnittstellen sinnvoll zu besetzen, der wird mit vollständiger Transparenz in Bezug auf das Nutzerverhalten belohnt. Skeptiker fühlen sich an Orwells Roman „1989“ erinnert. Eine Bindung des Nutzers im eigenen Ökosystem ermöglicht es aber gleichzeitig, vernetzte und personalisierte Services zu schaffen. Denn wenn Apps in Zukunft enger miteinander kommunizieren, können unsere multiplen Online-Personas in neue Beziehungen zueinander treten. Was wir auf dem Tablet tun, was wir auf dem Handy tun existiert nicht länger isoliert, sondern bedingt sich gegenseitig. Spannender Nährboden für neue Service-Designs.

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