Agenda 18/15

Am 27.04.2015 von Haruki

Self-Tracking für die medizinische Forschung mit Apples ResearchKit

Apple stellte am 9. März das ResearchKit vor, eine Open Source Programmierumgebung für iOS, die es für Forscher einfacher machen soll, medizinische Studien durchzuführen. Es funktioniert ganz ähnlich wie HealthKit, die Softwareumgebung die Entwicklern die Möglichkeit gibt, Gesundheits- und Fitness-Apps miteinander kommunizieren zu lassen. Das Research Kit bietet mehrere vorgefertigte und anpassbare Module, um bestimmte Daten für Studien zu sammeln. Hauptmodul sind Umfragen mit einer vorgefertigten Benutzeroberfläche, die es den Forschern erlaubt, sich auf die inhaltliche Ebene zu konzentrieren.Vorausgesetzt der Nutzer erlaubt es, können die so entstandenen Apps auf die Daten der HealthKit-Apps zurückgreifen. Je nach App und Zusatzgeräte von anderen Herstellern, werden dadurch z.B. Daten wie Gewicht, Blutdruck, Herzfrequenz oder Blutzuckerspiegel gemessen. Zusätzlich können die ResearchKit-Apps den Zugriff auf Beschleunigungssensor, Mikrofon, Gyroscope und GPS-Sensoren in iOS-Geräten anfragen, um beispielsweise Informationen über den Gang, die motorische Verfassung, Fitness, Sprache und den Gedächtniszustand des Nutzers zu erhalten.

iPhone, iPod Touch und die Apple Watch können so zu wichtigen Tools für die medizinische Forschung werden. Denn nicht nur besitzen Millionen von Menschen auf der ganzen Welt diese Geräte, ein großer Teil davon nutzt darüber auch Gesundheits- und Fitness-Apps, um Gesundheits- und Fitnessdaten aufzuzeichnen. So entstehen eine Unmenge an Daten, die die Wissenschaftler bisher alle selbst erheben mussten. Mit ResearchKit soll es den Forschungsinstituten jetzt einfacher gemacht werden, indem sie auf diese Daten zugreifen können. Jeder Nutzer kann dabei selbst entscheiden an welcher Studie er teilnehmen und welche Daten er welcher Studie zur Verfügung stellen möchte. Über den interaktiven Einwilligungsprozess müssen die Forscher auch nicht mehr so viel Zeit mit Datenverwaltung aufwenden und können sich ausgiebiger der Datenanalyse widmen. Die Forscher und Entwickler von Apps in der ReserachKit-Umgebung können die gewonnenen Daten außerdem mit der weltweiten Forschergemeine teilen, um das Wissen über Krankheiten zu erweitern.

 

Während die in der Pressemitteilung von Apple zitierten Forscher und Mediziner durchweg positiv über ResearchKit, die einfachen Rekrutierungsmöglichkeiten und den einfachen Datenzugang sprechen, kritisiert das Ärzteblatt, die fehlende Reliabilität, Validität und Repräsentativität: Gesundheitliche und medizinische Daten seien meist stark von Umgebungseinflüssen abhängig. Der Nutzer sei somit allein für deren Kontrolle verantwortlich und die Forscher könnten nicht nachvollziehen, welche Faktoren möglicherweise auf die Daten Einfluss nahmen oder ob Daten manipuliert wurden. Präzise methodische Planung und Standardisierung seien somit durch die Apps nicht möglich. Zudem wird kritisiert, dass durch die Beschränkung auf iPhone-Nutzer nur Probanden mit einem gewissen sozioökonomischen Status berücksichtigt werden und beispielsweise einkommensschwächere Bevölkerungsanteile automatisch ausgeschlossen werden.

 

Diese Bedenken sind gerechtfertigt und sicherlich muss bei Daten, die mit iPhone & Co. erhoben werden, der Datenbereinigung besondere Beachtung geschenkt werden. Doch mit gewissen Verzerrungen hat wohl jede großangelegte Studie, die nicht in einer Laborsituation stattfindet, zu kämpfen. Trotzdem gibt es vermutlich eine Vielzahl an Forschungsprojekten, denen ResearchKit die Arbeit enorm erleichtern kann und wo vielleicht auch der sozioökonomische Aspekt nebensächlich ist. Self-Tracking und die technischen Möglichkeiten der iOS-Geräte bekommen so einen größeren Sinn und werden auf eine höhere Bedeutungsebene gestellt. Sicherlich können Erhebungen mithilfe solcher Apps bisherige großangelegte und methodisch aufwändige Studien nicht ersetzen. Aber sie können eine sinnvolle Ergänzung sein. Zum Beispiel dadurch, dass durch die riesige Menge an Daten die erhoben werden kann, die Früherkennung deutlich erleichtert wird, indem möglicherweise Phänomene und Krankheitsauslöser aufgedeckt werden, die mit anderen Studien unentdeckt geblieben wären. Und vielleicht bekommt Big Data ein wenig mehr Wertschätzung, dass Big Data in den Händen der Forschung auch für die Gesellschaft gut sein kann – wird doch bisher meist angenommen, es helfe nur den Großkonzernen zu mehr Macht und Geld.

 

Am 15. April hat Apple den Source Code von ResearchKit auf Github veröffentlicht. Im US App Store gibt es bereits fünf Apps die über ResearchKit laufen: “Asthma Health” für die Erforschung von Asthma-Auslösern, „mPower“ für die Parkinson-Forschung, „GlucoSuccess“ für die Diabetes-Forschung, „Share the Journey“ für Erforschung von Langzeitauswirkungen von Brustkrebsbehandlungen und „MyHeart Counts“ für die Erforschung von Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bereits in den ersten Wochen gab es für diese Apps über 60.000 Anmeldungen durch iPhone-Nutzer. Somit ist es nur noch eine Frage der Zeit bis auch in Deutschland und anderen Ländern ähnliche Forschungsprojekte anlaufen werden. Es bleibt spannend abzuwarten, welche Erkenntnisse daraus gewonnen werden.

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