Agenda 15/15

Am 08.04.2015 von Haruki

Malcolm Gladwell: Macht uns die Digitalisierung anfälliger für systemkritische Events?

Auf der diesjährigen SxSW führten der Autor und Keynote Speaker Malcolm Gladwell und der Business-Angel, Venture-Capitalist und Uber-Boardmember Bill Gurley eine verfolgenswerte Diskussion zum Status Quo aktueller Dynamiken im Silicon Valley. Neben Themen wie E-Health und den Auswirkungen staatlicher Regulierung auf freie Märkte diskutierten beide die volkswirtschaftliche wie marktevolutionäre Rolle von Uber, selbstfahrende Autos, die Zukunft von Mobilität und den perspektivischen Einfluss der Digitalisierung auf die Gesellschaft als Ganzes. In diesem thematisch breiten Kontext formulierte Gladwell eine besonders spannende These, die zum Nachdenken anregt: Aus seiner Sicht führt die Digitalisierung zu einer Neuverteilung von Risiken. Überschaubare, dissoziierte Einzelrisiken werden durch die Digitalisierung antizipier- und vermeidbar. Gleichzeitig führt die Verknüpfung digitaler Systeme zu einer Konzentration von Risiken, die zwar deutlich seltener negative Auswirkungen haben – wenn, dann aber sofort systemkritisch wirken. Eine abstrakte, deshalb aber nicht weniger spannende Einschätzung. Werfen wir einen kritischen Blick auf Malcolm Gladwell’s These.

 

Führt die Digitalisierung wirklich dazu, dass die dissoziierte, dislozierte Einzelrisiken minimiert werden? Wenn Amazon uns beispielsweise erklärt welche Produkte uns gefallen könnten, hilft uns ein Algorithmus dabei, mögliche Fehlkäufe zu vermeiden. Entscheidungen, die zuvor auf Grundlage persönlicher Bewertung und Interpretation gefällt werden mussten, werden uns heute von automatisierten Helfern abgenommen, egal ob es um die Frage geht, welches Buch wir als nächstes lesen, wie wir am schnellsten zum Bahnhof kommen oder wo wir das passende Urlaubshotel finden. Für fast jede Frage gibt es eine App, die uns als Werkzeug zur Verfügung steht, um Entscheidungen bewusster und v.a. rationaler zu fällen. Und da wir Entscheidungen bewusster fällen, können wir auch die damit verknüpften Risiken gezielter einschätzen oder sind uns der Folgen unseres Handelns bewusster.

 

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www.flickr.com Photographer: Cole Camplese

Was ist mit dem zweiten Teil von Gladwell’s These: Führt die Digitalisierung zu einer kritischen Konzentration von Risiken? In dem Moment, in dem wir Entscheidungen und Handlungen in die Hand automatisierter Systeme geben, machen wir uns  zu einen gewissen Grad von diesen Systemen abhängig und müssen darauf vertrauen, dass sie auch in Zukunft den eigenen Erwartungen entsprechend funktionieren. Das Problem der Filterbubble ist zum Beispiel ein Effekt selbstähnlicher Reproduktion digitaler Repräsentanzen und tauscht Vielfalt gegen Relevanz. Gladwell wählt hier ein plakativeres Beispiel: Er bezieht sich auf die Gefahr, die von Hackerangriffen ausgeht, deren Erfolgsquote zwar aufgrund besserer Abwehrmechanismen in den letzten Jahren stark rückläufig sei, deren negative Erfolge dafür umso spektakulärer bzw, katastrophaler ausfielen. Wenn wir bedenken, dass wir uns immer weiter auf ein Szenario zu bewegen, in dem Industrien sich vernetzten, Systeme und sogar Dinge stärker miteinander kommunizieren, interagieren und voreinander abhängen, werden die von Hackerangriffen ausgehenden Risiken wohl weiter wachsen. Begriffe wie “Vorratsdatenspeicherung”, “D-Waffen” oder “Finanzkrise”, die den Gesellschaftlichen Diskurs in den letzten Jahren geprägt haben, sind mittelbare Effekte der Digitalisierung.

 

Macht uns die Digitalisierung also anfälliger für systemkritische Katastrophen? Die Digitalisierung bringt vormals isolierte Systeme in nachvollziehbare und nicht-nachvollziehbare Abhängigkeiten voneinander. Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann anderswo einen Orkan auslösen, sagte einst der Meteorologen Edward N. Lorenz. In einer vernetzten, digitalen Welt wachsen Dynamik und Reichweite positiver und negativer Effekte. Mit beiden lässt sich Geld verdienen. Auch wenn das Ende nicht absehbar ist.

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