Agenda 13/15

Am 25.03.2015 von Haruki

Digital Detoxing: Ich bin dann mal offline!

Schon nach dem Aufstehen wandert der Blick direkt zum Display des Smartphones: Neue Mitteilungen? Erinnerungen? Termine? Erstmal Emails checken, prüfen was bei Facebook und Twitter über Nacht los war und dann ein kurzer Besuch der wichtigsten News-Seiten. Sobald wir wach sind, gehen wir online und bleiben es auch – bis wir wieder zu Bett gehen. Das Smartphone ist unser ständiger Begleiter, immer griffbereit, denn wir müssen immer und überall erreichbar sein. Zu groß ist die Angst, etwas Wichtiges zu verpassen. Längst ist das Smartphone zum Dreh- und Angelpunkt geworden, wenn es darum geht, unserem Leben Rhythmus und Struktur zu geben. Doch was macht diese „Alway On“-Mentalität eigentlich mit uns?

 

Nicht nur Gutes, glaubt man dem Artikel „Heilfasten im digitalen Zeitalter: Mit „Digital Detox“ gegen die ständige Erreichbarkeit im Job“. Denn aus der Möglichkeit „Always On“ zu sein, ist für viele Menschen mittlerweile eine Verpflichtungen geworden. Gerade in unserer modernen Arbeitswelt wird kontinuierlich die Anforderungen an uns gestellt auf Abruf verfügbar zu sein. Sind wir es nicht, entsteht Unruhe, vielleicht sogar ein schlechtes Gewissen. Wo früher noch klare Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben gezogen werden konnten, scheint heute alles zu verschwimmen. Wir professionalisieren unser privates Leben über wiederholbare Prozesse und lassen den Beruf in unsere Privatsphäre hineinreichen. Wer schreibt, wartet auf Antwort. Antworten wir nicht direkt, befinden wir im Verzug und bleiben die Antwort schuldig. Es fällt schwer, eigene Bedürfnisse gegen die Bedürfnisse des Systems durchzusetzen. Abgrenzung ist eine riskante Strategie, die zu Ausschluss führen kann.

 

„Digital Detoxing“ nennt sich das Phänomen, das sich diesem Trend entgegenstellen will. Rechner aus, Handy aus, Offline gehen:  Die digitale Entgiftung sieht ein vollkommen analoges Leben vor – auf Zeit natürlich. Digitale Enthaltsamkeit soll uns lehren, wieder abschalten zu können und die inneren Batterien aufzutanken. “Digital Detoxing” will uns also helfen, den Anforderungen des digitalen Kommunikationskreislaufs bewusst zu entsagen.

 

Die langfristigen Folgen, die eine „Always On“-Mentalität auf unsere seelisches und körperliches Wohlbefinden hat, sind mittlerweile bekannt: Was als Überforderung und Überlastungen beginnt, mündet immer häufiger in die leichte oder schwere Formen der Depression – gerne euphemistisch als Burn-Out Syndrom bezeichnet. Gerade Berufsbilder in denen Arbeitszeiten eine gewisse Stetigkeit vermissen lassen und ständige digitale Vernetzung mit dem Kunden zur Normalität geworden ist, sind davon betroffen. Nicht umsonst treten entsprechende Krankheitsbilder vor allem bei Führungskräften und IT-Spezialisten auf.

 

„Digital Detoxing“ als Umdenkprozess, als Abgrenzungs- oder Entwöhnungsstrategie entsteht dabei nicht nur aus einem persönlichen Antrieb. Immer mehr Unternehmen erkennen die gesundheitlichen Risiken und fühlen sich deshalb aufgerufen, ihre Mitarbeiter aktiv zu schützen. Bei Volkswagen beispielsweise hat der Betriebsrat mittlerweile durchgesetzt, dass nach Feierabend keine E-Mails mehr an die Smartphones von Mitarbeitern verschickt werden dürfen. Die Daimler AG hat den Abwesenheitsassistenten „Mail on Holiday“ etabliert: Ist ein Mitarbeiter im Urlaub löscht „Mail on Holiday” eingehende E-Mails automatisch und informiert den Absender über eine Vertretung. Überquellende Postfächer nach dem Urlaub sollen so der Vergangenheit angehören. Amerikanische Unternehmen, wie Microsoft, setzen stärker auf die Selbstständigkeit der eigenen Mitarbeiter und etablieren neben flexiblen Arbeitszeiten auch Compliance-Richtlinien, die das Abschalten nach Feierabend explizit einfordern.

 

Phänomene, wie das „Digital Detoxing” werfen implizit die Frage auf, wie viel Online-Sein uns wirklich gut tut und wie wir für uns zu einem gesünderen Gleichgewicht zwischen On- und Offline finden. Geht es wirklich darum, rigorose Zeitfenster für sich zu definieren, in denen wir komplett offline sind? Oder ist “Digital Detoxing” eher ein Aufruf zur gegenseitigen Schonung und Rücksichtnahme an uns alle? Im Grunde geht es auf beiden Seiten darum, Prioritäten sinnvoll zu setzen und erlebte Wichtigkeit objektiver einzuschätzen zu lernen.

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