Agenda 12/15

Am 16.03.2015 von Haruki

Erzeugt Medienvielfalt eine differenzierte Meinungsbildung? – Juliane Löfflers Frontbericht aus dem CyberWar

Historische Analysen der Medienwirksamkeit bezeichnen die Zeit vor und um den ersten Weltkrieg als “Zeit der wirkungsstarken Medien”. Zu Recht: Inhalte die über die wenigen existierenden und monopolistisch verteilten Kanäle verteilt wurden, prägten die öffentliche Wahrnehmung und Meinung. Wer Einfluss auf TV, Radio oder Print ausüben konnte, konnte den gesellschaftlichen Blick auf Ereignisse und Phänomene nach eigenen Vorstellungen gestalten und umgestalten.

 

Heute Leben wir in einer Zeit des medialen Pluralismus. Unzählige Medien und Formate reden auf uns ein und propagieren heterogene Wirklichkeiten. Es ist ein Wettstreit der Quellen und Informationsangebote, der sich durch das Internet weiter verschärft hat: Das Internet will uns allen die Möglichkeit zur Verfügung stellen, eigene Meinungen öffentlich zu teilen. Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt ist die: Führt die Vervielfachung der Medien und Plattformen zu einer Vervielfachung der Perspektiven? Und lässt uns das Internet durch seine schiere Vielfalt immun gegen Versuche medialer Einflussnahme werden? Als Konsumenten seien wir mündiger geworden, sagt man – sind wir das als Bürger auch? Wie inhaltlich breit und tief begründet sind die Einstellungen, die wir über unseren Medienkonsum und unser Informationsverhalten heute ausbilden?

 

Tatsache ist, dass uns das Web jeden Tag auf Neue mit den unterschiedlichsten Themen konfrontiert. Für den Einzelnen ist diese Fülle an Themen kaum zu bewältigen. Wir suchen unser Heil in der Flucht und sperren Informationen aus. Wir selektieren aktiv oder algorithmen-gestützt, was wir wahrnehmen. Wir wählen aus, selektieren für uns selbst und kuratieren für andere: Welche Themen interessieren uns wirklich? Lohnt es sich, den einen oder anderen Artikel vollständig zu lesen? Vielleicht tut es auch die Headline, eine Zusammenfassung oder die Kommentare? Das Web stellt neue Anforderungen an uns, wie wir mediale Inhalte rezipieren und verarbeiten. Dabei gilt zunehmend die Devise: Quantität statt Qualität. Der Information Overload, den das Web produziert, zwingt uns dazu, Content deutlich schneller verarbeiten zu müssen als früher – leider allzu oft auf Kosten einer tiefergehenden Auseinandersetzung. Letztendlich folgt die eigene Selektion doch immer auch ganz ökonomischen Gesichtspunkten: Der Mensch ist in Bezug auf Aufmerksamkeit und Interesse ein Geizhals, der seine kognitiven Ressourcen genau einzuteilen weiß.

 

Um die ganze Filterarbeit nicht alleine bewältigen zu müssen, greifen wir auch auf soziale Filtersysteme zurück, um die Relevanz von Beiträgen schneller bewerten und Inhalte effizienter prozessieren zu können. Diese Strategie lässt sich als soziales Benchmarking von Inhalten beschreiben: Interessant ist, worüber alle sprechen. Wahr ist, was die Mehrheit als wahr anerkennt. Letztendlich sind wir darauf angewiesen, uns auf die Schwarmintelligenz des Kollektivs zu verlassen. Herausfordernd ist dabei, dass der Schwarm nicht in erster Linie ein intelligentes, sondern vor allem ein dynamisches Systeme ist, das festen Mustern und Regel folgt. Was sich schnell und leicht verbreiten soll, muss schnell und leicht zu begreifen sein. Diese Prämisse zwingt oftmals zu Komplexität reduzierender Kommunikationseffizienz. Emotionalisierende Darstellungsformen beschleunigen die Verarbeitung und Verbreitung zusätzlich, denn sie rufen unser schnelleres, limbisches System auf den Plan: So werden aus Inhalten virale Inhalte.

 

Dass solche Dynamiken nicht nur entstehen, sondern aktiv erzeugt werden können, verdeutlicht uns nun ein Artikel auf “freitag.de”. Mit einem gewissen Unbehagen lesen wir Juliane Löfflers Artikel – die ihn nach eigener Auskunft auch mit Unbehagen geschrieben hat. Der Titel: “Links, Zwo, Drei – Klick.” Ein Frontbericht aus dem CyberWar. Der CyberWar findet heute nicht nur in Form verdeckter Hackangriffe, sondern v.a. durch die manipulative Nutzung sozialer Medien statt. Was im Social Web wie eine persönliche Meinung zu politischen Themen anmutet, offenbart sich Frau Löfflers Beitrag zufolge als organisierte Meinungsmache, initiiert von Regierungen oder politischen Gruppen, die auf diese Weise die öffentliche Meinung steuern wollen: ein CyberWar – für die eigene Sache, gegen den Feind.

 

Der Feind ist Frau Löfflers konkretem Fall Russland, bzw. der Kreml, der mehrere hundert Blogger anheuert, die gezielt für das Lager der pro-russischen Separatisten und gegen die Ukrainische Regierung wettern. Unterstützt werden diese einhundert “Social Soldiers” von Softwareprogrammen, die automatisiert Nutzerprofile generieren, die wiederum die Beiträge der Blogger liken, reposten und hashtaggen, um so im Social Web für ein pro-russchisch verzerrtes Bild der öffentlichen Meinung zu sorgen. Die Sichtweise gezielt agierender Interessengruppen kommt so als öffentliche Meinung daher, mit der Konsequenz, dass sie sich der geneigte Leser zu eigenen machen möge. Man muss aber nicht bis in die Ukraine schauen, um solche Mechanismen zu entdecken. Auch PEGIDA und CO bedienen sich solcher Mittel.

 

Zurück zu unserer Frage: Erzeugt die Vervielfachung medialer Plattformen eine Vervielfachung der Perspektiven? Macht uns das Internet immuner gegen gezielte Manipulation? Die richtige Antwort heißt wohl: manchmal. Das Web hat den medialen Diskurs sicherlich freier, vielfältiger und insgesamt demokratischer gemacht. Trotzdem oder gerade deshalb sollten wir kritisch bleiben – vor allem gegenüber den Mechanismen, die wir selbst ausbilden, um der wachsenden Informationsmenge gewachsen zu bleiben. Auch im Zeitalter, dem Namen nach sozialer Medien sind Medien noch immer steuer- und beeinflussbar und ihre Wirkweise gleichzeitig raffinierter und automatisierbarer. Am Ende liegt es an uns, Zeit in die eigene Meinungsbildung zu investieren und uns vor allem mit vielschichtigen Themen differenziert auseinanderzusetzen. Vielleicht ist ein nachdenklicher Zeit-Artikel einem schnell konsumierbaren Twitter-Post doch manchmal überlegen?

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