Agenda 10/15

Am 03.03.2015 von Haruki

#Dressgate: Was uns ein Kleid über menschliche Wahrnehmung lehrt

Es ist schon verblüffend, wie ein alltäglicher Gegenstand, ein Cocktailkleid, unsere festen Vorstellungen bezüglich Wahrnehmung und menschliches Erleben auf die Probe stellen kann. Ein Bild eines blau-schwarzes Kleides verbreitete sich letzte Woche unter #Dressgate wie ein Lauffeuer in den weiten Weiten des Netzes. Was als modische Diskussion unter Freundinnen auf Tumblr bekannt, ruft mittlerweile renommierte Wahrnehmungspsychologen auf den Plan. Denn dieses blau-schwarze Kleid als “blau-schwarz” zu beschreiben, ist eigentlich nur die halbe Wahrheit, noch genauer: ein Drittel der Wahrheit.

Auch wenn das Kleid in seiner physikalischen Beschaffenheit tatsächlich aus zwei Farben besteht, die wir gemeinhin als blau und schwarz bezeichnen, wird das abgebildete Kleid von unterschiedlichen Personen in Bezug auf seine Farbigkeit unterschiedlich erlebt: Während der eine tatsächlich ein Kleid in den Farben dunkelblau und schwarz zu sehen meint, erscheint es anderen als eine Kombination aus hellblau und dunklem bronze und für wieder anderen als cremeweiß und golden.

 

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                                                                                                                                VIP.de

Diese Verwerfung wirft Fragen auf, denn sie stellt die Verbindlichkeit des Wahrnehmbaren und unser Erleben von Wirklichkeit in Frage. Denn richtig ist: Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind. Wir sehen die Dinge, wie wir sind. Der Mensch ist nicht in der Lage, über seinen Wahrnehmungsapparat ein ein exaktes Abbild der Wirklichkeit zu konstruieren. Die menschliche Wahrnehmung von Objekten ist immer eine subjektive. Jeder Wahrnehmungsprozess ist ein Akt der Vermittlung und Abbildung. Was wir also sehen, ist lediglich eine reduzierte Repräsentation dessen, wie die Welt tatsächlich ist, begrenzt durch die Fähigkeiten unserer eigenen Sinnesapparate. Objektiv betrachtet bedeutet das, dass es eine “objektive Betrachtung” nicht gibt.

 

Wenn beispielsweise Delphine ihre Umwelt über Schallimpulse wahrnehmen, ist diese Form die Umwelt wahrzunehmen zwar anders, aber nicht weniger wahrhaftig, als die menschliche Fähigkeit Lichtreize, die auf unsere Netzhaut fallen, zu interpretieren. Unser Wahrnehmungsapparat hat sich nur unterschiedlich entwickelt – kontextbezogen. Denn die Fähigkeit, die eigene Umwelt wahrzunehmen, hilft jeder Spezies, überlebensfähig zu sein. Erlebte Wirklichkeit ist dabei immer Konstruktion. Und so können wir uns nicht sicher sein können, ob die erlebte Wirklichkeit unseres Lebenspartners, unseres Arbeitskollegen, unserer Kinder unserer eigenen, persönlichen Konstruktion von Wirklichkeit entspricht. Um unsere erlebten Wirklichkeiten miteinander abzugleichen, treffen wir Übereinkünfte, die verbindlichen Charakter haben. Wenn wir etwas als “blau” bezeichnen hat es dieselbe Farbigkeit, wie andere blaue Dinge. Das “Nivea Blau” ist immer blau. Tatsächlich haben wir aber keine Kontrolle darüber, ob das was wir “blau” nennen von anderen Menschen nicht ganz anders erlebt wird. Einig sind wir uns nur darüber, dass blaue Objekte anderen blauen Objekten in Bezug auf die Farbigkeit ähnlich sind.

 

Wir haben uns in unserer Kommunikation und in unserem Umgang miteinander darauf geeinigt, dass die Wirkung von Licht, dass mit einer Wellenlänge von 480-420 nm unsere Auge trifft, in unseren Köpfen eine Farbrepräsentation bildet, die wir allgemein Blau nennen. Und plötzlich kommt ein Cocktailkleid daher und bricht diesen Wirkzusammenhang auseinander. Das wirkt verstörend: Denn Kommunikation funktioniert nur dann, wenn ein System dem anderen unterstellen kann, dass das andere System auf gleiche Weise funktioniert, wie es selbst. #Dressgate lässt Zweifel an dieser Annahme aufkommen.

 

Spoiler Alert: Wie diese Sinnestäuschung tatsächlich zustande kommt, ist wissenschaftlich erklärbar. Sie hängt mit der menschlichen Fähigkeit zusammen, Farben in einen Kontext zu setzten. Umliegende Farben, Tageszeiten sowie die Position im Raum bestimmen darüber, ob wir denselben Reiz mal als heller und mal als dunkler interpretieren. Es wird vermutet, dass unser Gehirn bei Tageslicht Farbkorrekturen durchführt, die von Mensch zu Mensch jedoch ganz unterschiedlich ausfallen. Bei dem Versuch unseres Gehirns, die Farben des Tageslichts zu normalisieren, quasi als Fehler herauszurechnen, kann es bei manchen Menschen passieren, dass das Gehirn fälschlicherweise Blautöne ausblendet mit der Konsequenz, dass ein dunkelblau-schwarzes Cocktailkleid als weiß mit goldenen Zierelementen erscheint. Andere Gehirne neigen wiederum dazu, Goldtöne auszublenden, sodass das Kleid dunkelblau und schwarz erscheint.

 

Was lehrt uns das? Wirklichkeit liegt immer im Auge des Betrachters. Wenn wir also Produkte, Services oder Interaktionen designen, geht es nicht nur um deren objektive Ausgestaltung. Es geht auch um das Design des Erlebnisses der Wahrnehmung und Interaktion. Deshalb gestalten wir heute nicht mehr nur Produkte, Services oder Interaktionen: Wir gestalten User Experiences. Statt nur Objekte zu gestalten, designen wir auch die Erlebnisdimensionen mit, die an diese Objekte gekoppelt sind.

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