Agenda 5/15

Am 26.01.2015 von Haruki

Das “Open Mind”-Projekt: Der vielschichtige Blick auf unser Bewusstsein

Unser Gehirn besteht aus über 100 Milliarden Nervenzellen – jede einzelne ist mit 10.000 anderen verknüpft, kann mit anderen Nervenzellen interagieren und Informationen austauschen. Diese “neuronalen Netzwerke” sind verblüffend, ihr Aufbau ist gleichermaßen komplex wie rätselhaft: Die chemischen Verbindungen die unser Gehirn formen, sind in ihrem Zusammenspiel fähig unsere Wahrnehmung, unsere Empfinden und Denken – letztendlich unser Bewusstsein – zu formen. Wie aus Materie Geist entstehen kann, beschäftigt die Menschheit, die Wissenschaft und in erster Linie die Philosophie schon seit langer Zeit.

 

Dank ist seit kurzem für jedermann einsehbar, welche Themen und Fragestellungen die Geistesforschung aktuell beschäftigten: Die MIND-Group der Universität Mainz stellt zu ihrem Jubiläum 39 Originalarbeiten zum Thema Geist, Gehirn und Bewusstsein im Netz zur Verfügung. Die Studien sind durch interdisziplinäres Denken geprägt und geben Antworten auf interessante Fragen: Richart Menary ergründet woher unsere mathematischen Fähigkeiten kommen und welchen Einfluss kulturelle Kontexte auf die Entwicklung unserer Rechenfähigkeit hatten. Kenneth Williford befasst sich mit dem Unterschied zwischen Selbstbewusstsein und Selbstwissen und der Frage, welche Rolle beide bei der Bildung unseres Bewusstsein spielen? Wie bildet sich Moral? Welche soziale Funktion hat das Träumen? Besitzt unser Gehirn (vorher)seherische Kräfte? Wie nehmen unsere Mitmenschen Einfluss auf unser Denken? Die Themenvielfalt scheint endlos und unendlich interessant. Die einzelnen Artikel repräsentieren nicht nur ein breites Spektrum methodischer Perspektiven, sondern zeigt gleichzeitig wie dynamisch und disziplinenabhängig die Suche nach Antworten auf dieselben Fragen sein kann. Wissenschaft braucht den Widerspruch, These und Antithese, um produktiv zu sein.

 

Perspektiven- und Methodenvielfalt wirkt im wissenschaftlichen wie im wirtschaftlichen Kontext wertschöpfend. Die Publikationen des “Open Mind”-Projekts wollen uns helfen, die Ursprünge und Determinanten unseres inneren Erleben zu begreifen und fordern uns gleichzeitig auf, unsere eigenen Überzeugungen in Frage zu stellen und unser Denken zu erweitern. Wenn Fertigkeiten wie Zählen oder Rechnen von ihrer Entstehungsgeschichte her soziale Phänomene sind, macht uns das deutlich, wie eng unsere Innenwelt mit unserer Umwelt verwoben ist: Zwar halten wir gerne an der Vorstellung fest, es gäbe eine klar definierte Grenze zwischen Innen und Außen – schließlich finden neuronale Prozesse in unseren Köpfen statt. Doch unser Blick auf die Welt und uns selbst ist durchlässiger und empfänglicher für das Außen als wir gemeinhin annehmen. Und das ist gut so.

 

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