Agenda 4/15

Am 20.01.2015 von Haruki

Ein blinder Fleck: Wie die App “Spritz” uns zwar dabei hilft schneller zu lesen, aber nicht schneller zu verstehen

Davon haben Studenten schon immer geträumt: Anfang letzten Jahres wurde der Schnelllese-App Spritz großen Aufmerksamkeit zu teil. Von einer Revolution des Lesens war die Rede und davon, dass sich das Leseverhalten vieler Menschen radikal verändern würde. Was tut Spritz? Die App präsentiert dem Nutzer auf dem Display nacheinander einzelne Wörter – bis zu 1000 pro Minute. Dadurch, dass das Auge auf einer Stelle verharren kann und nicht wie sonst, im Text von Wort zu Wort wandern muss, soll der Nutzer Lesezeit sparen und lange Texte in einem Bruchteil der bisher notwendigen Zeit erfassen können.

 

Wie die App genau funktioniert, erklärt ein kurzes Video von Spiegel Online:http://spon.de/vfMgZ. Dass sich bei Spritz alles um das schnelle Erfassen dreht, wird gleichzeitig zum Problem. Spritz mag sich dafür eignen, Texte zu scannen – sprich: schnell zu erfassen, welches Thema ein Text behandelt. Wer aber glaubt, auch die Bedeutung des Textes dadurch zu verstehen, der irrt. Leider. Der Sprachwissenschafler Ralf Engbert von der Uni Potsdam erläuterte die Problematik bereits im April letzten Jahres in einem Interview mit Spiegel Online: „Wer eine Geschichte verstehen will, macht sich beim Lesen Nebengedanken. Die mentale Aktivität ist mehr als das Verstehen einzelner Wörter. Zehn Prozent aller Sakkaden [Augenbewegungen] sind rückwärtsgerichtet, man schaut also in die Textregionen, die man bereits gelesen hat. Das geht bei Spritz gar nicht.“ Genau diese These hat jetzt eine wissenschaftliche Studie belegt: Spritz erhöht die Lesegeschwindigkeit auf Kosten des Textverständnisses. Außerdem, so fand die Studie heraus, trägt das schnelle Präsentieren von Wörtern dazu bei, dass Nutzer weniger blinzeln. So wird das Auge schneller müde und es in der Folge anstrengender, die gezeigten Wörter aufzunehmen.

 

Was aber lehrt uns das Beispiel Spritz nun? Es lehrt uns, dass es generell meist keinen Mehrwert bringt, einzelne Stationen eines Prozesses zu optimieren, ohne den Gesamtprozess und sein höheres Ziel im Auge zu behalten, wenn man sinnvolle Ergebnisse erreichen möchte. In der isolierten Betrachtung, verkürtzt Spritz die Texterfassungszeit, keine Frage. Aber Lesen ist eben nicht nur das reine Erfassen von Text. Lesen beinhaltet auch verstehen, interpretieren und eventuell auch das kreative Umsetzen des Gelesenen. Unternehmen agieren oft ähnlich: Die Verteilung von Verantwortung und Gestaltungsraum im Sinne des Taylorismus verliert oft das große Ganze aus den Augen und denkt Prozesse nicht zu Ende. Kurzfristige und isoliert gedachte Optimierungen verstellen den Blick auf das große Ganze eher als ihn zu befördern. Nur wenn wir das System in dem wir agieren und unsere Rolle darin verstehen, können wir es sinnvoll umgestalten. In Zukunft werden Managment-Strukturen und Entscheidungsprozesse dieser Sichtweise stärker Rechnung tragen.

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