Agenda 4/15

Am 20.01.2015 von Haruki

Das verführerische Heilsversprechen des Minimum Viable Product (MVP)

Das Design als Disziplin und Bestandteil der Unternehmensstrategie hat in den letzten Jahren einen erheblichen Relevanz- und Popularitätsgewinn erfahren. Sowohl die Managementpraxis als auch die Produktentwicklung bedient sich zunehmend der Methodensets designorientierter Disziplinen. Das führt in Teilen dazu, dass Methoden und Begriffe aus ihrem ursprünglichen Designkontext herausgelöst und neu, im Sinne des Managements interpretiert werden. Ein Begriff, dem dieses Schicksal aktuell widerfährt, ist der Begriff des MVP – des Minimum Viable Product. Werden Designmethoden im Kontext der eigenen Produkt- und Serviceentwicklung zur Anwendung gebracht, taucht dieser Begriff meist sehr früh im Prozess auf und scheint das Ziel der ersten Etappe jeder Neuentwicklung zu markieren. Was verbirgt sich hinter diesem Begriff? Und wie wirkt er sich auf den Entwicklungsprozess aus? Mit diese Frage beschäftigt sich der Autor Jerry Cao auf der Website UX Booth. Wir sind bereit, einige der dort formulierten Ansichten zu teilen – nicht alle.

 

Tatsächlich steht hinter dem MVP in der heutigen Praxis die Vorstellung, ein Produkt so zu entwickeln, dass es über die notwendigen, und nur über die notwendigen Eigenschaften verfügt, die eine potenziell erfolgreiche Vermarktung und gerade noch sinnvolle Verwendung ermöglichen. Die Idee ist, Risiko und Investitionen möglichst gering zu halten und gleichzeitig zu erfahren, wie der Markt auf das neue Angebot reagiert. So weit, so sinnvoll. Entscheider haben so die Möglichkeit Businesshypothesen zu überprüfen und Markterfolge zu prognostizieren. Produktentwickler erhalten valides Verwenderfeedback, um den neuen Spross der Produktfamilie einschätzen zu lernen. Aus dieser Interpretation des Begriffs entsteht ein Prozessverständnis, das effizient und linear zu Rumpfprodukten führt. Dieses Prozessverständnis unternimmt den Versuch, das Produkterleben durch den Verwender von Anfang an skalierbar zu machen und auf das Notwendigste – das noch akzeptable Minimum – zu reduzieren. Das führt zwangsläufig in eine Kultur, in der Produkte und Services als Problemlösungen betrachtet werden. Wird das Konsumenten- oder Business-Problem noch gelöst? Dann ist das Produkt marktreif. Und gespannt richtet sich der Blick des Unternehmens auf die Early Adopter.

 

Ursprünglich stammt der Begriff “Minimum Viable Product” aus dem digitalen Kontext, in dem es möglich war, Entwicklungszeiten zu verkürzen indem neue Services im Live-Betrieb weiterentwickelt wurden. In diesem Kontext markierte das Minimum Viable Product den Übergang von der linearen Entwicklungsarbeit zu einem iterativen Prozess: In seiner Funktion als Prototyp ermöglicht es, spätere Verwender unmittelbar – das heißt nicht mehr in Form von Insights, sondern direkt – als Tester und Mitgestalter in den Entwicklungsprozess einzubeziehen. Aus dem MVP resultiert also eine marktnahe Testfähigkeit und eine Weiterentwicklung von Produkten und Services im Dialog mit dem Konsumenten.

 

In nicht digitalen Entwicklungsprozessen wirkt sich der Begriff MVP nicht immer positiv aus. Er formuliert eine Effizienz getriebene, reduktionistische Perspektive. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist die Möglichkeit, weiterreichende und nachhaltige und Produkt- und Servicevisionen zu denken (nicht zwingend herzustellen), die strategische Relevanz für das Unternehmen besitzen können. Das MVP ist eine trügerische Abkürzung auf dem Weg zur Innovation, denn es limitiert den Denk- und Gestaltungsraum und strebt nicht danach, Mehrwerte und Consumer Experience zu maximieren, sondern Investition und Risiko überschaubar zu halten. Das ist in der kurzfristigen Betrachtung wirtschaftlich natürlich sinnvoll. Doch darunter leidet mittel- und langfristig die Lernfähigkeit des Unternehmens. Das Unternehmen wird nie erfahren, wie ein Produkt oder Service ausgesehen hätte, der konsequent die Bedürfnisse des Verwenders in den Mittelpunkt stellt und sein Erleben in der Produktverwendung aufwertet.

 

Wir glauben deshalb, dass die Entwicklung neuer Produkte und Services nicht mit dem “Minimum Viable Product” sondern mit dem “Most Desirable Product” beginnen muss. Für Unternehmen wird nur so begreifbar, welche potenziell wertschöpfenden Interaktionen zwischen Innovation und Verwender möglich sind. Natürlich hat das “Minimum Viable Product” im Kontext der technischen Umsetzung seine Berechtigung. Doch beginnt das Minimum Viable Product den Prozess zu früh zu dominieren, entstehen daraus Opportunitätskosten, die zu leicht ignoriert werden. Der strikte Fokus auf das MVP im Innovationskontext führt weder zu besseren, noch zu wirtschaftlich erfolgreicheren Produkten und Services.

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