Agenda 49/14

Am 01.12.2014 von Haruki

Swish mir mal ‘ne Mark

Kürzlich sprachen wir in der Agenda über das Versäumnis deutscher Banken in alternative Paymentlösungen und eine Verbesserung der User Experience zu investieren. „Sicherheit statt Service, Verlässlichkeit statt Vereinfachung“, so das augenscheinliche Credo der etablierten Geldhäuser. Und während sich der deutsche Finanzsektor Wettbewerbsvorteile durch den Einsatz digitaler Technologien entgehen lässt, zieht es branchenfremde Wettbewerber aufs Spielfeld. Man möchte den Geldinstituten sagen: Schaut nicht einfach zu. Ergreift endlich die Initiative. Etabliert eine Lösung, die in dieser Form nur von euch geleistet werden kann. Und wenn nicht das: Seit wenigstens schneller als die Tech-Giganten dieser Welt.

 

Schweden macht vor, wie es geht. Dort haben die sechs führenden Banken mit Swish gemeinsam eine App zum schnellen elektronische Geldtransfer entwickelt. Nutzer müssen dazu nur ihre Handynummer mit ihrem Bankaccount verbinden und können dann mit wenigen Klicks den Swish-Kontakten aus ihrem Telefonbuch Geldbeträge überweisen. Seit zwei Jahren gibt es das Angebot und verbreitet sich seither rasant: Mittlerweile nutzen fast 20 Prozent der Schweden die App, um Freunden, Kollegen und Familie unkompliziert und in Echtzeit Geld zu „swishen“. Besonders bei der jungen tech-affinen Zielgruppe beliebt, entwickelt sich das gemeinschaftliche Service-Projekt der Banken immer mehr zum Establishment und könnte ein weiterer Schritt zur Vision von der bargeldlosen Nation sein.

 

Nichtsdestotrotz können sich auch schwedische Banken nicht auf ihrem Erfolg ausruhen, denn die sozialen Netzwerke und Bezahldienste sind auf dem Vormarsch. Snapchat hat vor kurzem seinen Service Snapcash in Nordamerika ausgerollt, Venmo ist ein ähnlicher Service, der sich in den USA großer Beliebtheit erfreut. Auch Facebook experimentiert damit, eine Geldtransfer-Funktion in den Messenger zu integrieren. Diese Beispiele zeigen, dass das Social Web auch vor sicherheitsbedürftigen Themen wie Finanzen nicht Halt macht. Bei Snapchat zerstören sich übertragene Bilder quasi nach wenigen Sekunden selbst. Ist es nicht paradox, dass Leute solch einem Service ihr Geld anvertrauen? Hier liegt die Vermutung nahe, dass insbesondere in dieser Zielgruppe „Service“ vor „Sicherheit“ gilt. Es könnte aber auch daran, liegen, dass sie mangels Angebot sich gar keine Gedanken über die Sicherheit machen. Und noch reden wir von einer überschaubaren Nutzerschaft, mit einer überschaubaren Kaufkraft. Das Potenzial für deutsche Banken ist also ungebrochen groß und das schwedische Modell der Zusammenarbeit dürfte nicht nur für deutsche Banken, sondern für alle Banken der europäischen Währungsunion von Interesse sein. So könnten die europäischen Banken ein passendes Servicedesign für die technische Infrastruktur, die mit SEPA geschaffen wurde, bieten. Alles nur Zukunftsmusik? Wir hoffen nicht.

 

Kein Zweifel, Banken müssen diesem neuen Umgang mit Geld mit neuen Lösungen begegnen und dürfen sich der digitalen Revolution nicht versperren. In Schweden weitet man Swish jetzt übrigens auf Firmen und Organisationen aus, die mit eigener Swish-Nummer Teil des neuen Netzwerks werden können. Vielleicht ein erster Vorstoß alternative Bezahlmöglichkeiten für den Handel anzubieten. Ob Swish sich gegenüber den internationalen Konkurrenzangeboten auf lange Sicht behaupten kann, kann zu jetzigem Zeit nicht beantwortet werden. Dennoch lohnt sich für deutsche Banken ein Blick zu den schwedischen Nachbarn.

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