Agenda 48/14

Am 24.11.2014 von Haruki

Wie wir in 20 Jahren Fernsehen schauen

“Ich glotz’ TV” war 1978 nicht nur der erste Song auf der Nina Hagen Band LP sondern auch über Jahrzehnte ein geflügeltes Wort für ein allabendliches Ritual der Freizeitgestaltung. Feste Sendezeiten hatten das Leben im Griff und man wusste genau, wann man wo noch anrufen kann bzw. ab wann der Anruf zu einer Störung des Fernsehabends führte.  Heute steht die Wirkung des TV als Leitmedium in Frage. Die Digitalisierung hat Erwartungen und Bedürfnisse an Mediennutzung verändert: Multiscreen-Nutzung, On-Demand-Dienste à la Netflix, alternative Content-Quellen wie Youtube und Co. Das TV kann mit dieser technologischen Entwicklung nicht mehr Schritt halten, so heißt es…

Doch hat das traditionelle Fernsehen im digitalen Zeitalter wirklich ausgedient? Wie sehen mögliche Zukunftsszenarien für dieses Medium aus? „Heute.de“ stellte die Frage, wie wir wohl in 20 Jahren Fernsehschauen werden, an eine Gruppe renommierter TV-Insider, darunter Produzenten, Schauspieler, Kritiker und Wissenschaftler. Was wir aus den unterschiedlichen Kommentaren mitnehmen können?

 

Die Fernsehlandschaft wird vielfältiger, sowohl was Inhalte als auch Formen der Rezeption angeht. Lineare Formate werden parallel mit stärker diversifizierten Inhalten existieren und mehr und mehr durch Mediatheken organisiert werden: Inhalte werden so zu jeder Zeit nutzbar und die Integration von Empfehlungssystemen, Community-Anbindung und die Sammlung von Nutzerdaten wird es erlauben, Inhalte immer besser auf die einzelnen Zuschauer zuzuschneiden. Die Autorin Samira El Quassil geht sogar davon aus, dass nicht nur die Zuweisung von Inhalten personalisiert wird, sondern auch die ausgespielten Inhalte selbst. Sie gründet ihre These darauf, dass Inhalte immer häufiger durch Computer generiert werden, was die Möglichkeit eröffnet, beispielsweise das Aussehen von Protagonisten in Filmen an die individuellen Werte- und Präferenzsysteme des Zuschauers anzupassen. Jeder würde in einer Serie somit nur noch genau das sehen, von dem die Algorithmen glauben, dass es ihm gefällt.

 

In dem Szenario wird das TV hauptsächlich zu einer weiteren Content-Quelle werden, die dem Rezipient ausspielt, was er will und wann er es will. Umso wichtiger wird es deshalb, selbst Content zu produzieren, der durch Exklusivität zu überzeugen weiß. Schon heute sind es nicht mehr die teuer einkauften Kinoblockbuster oder Hollywood-Serienformate, die Zuschauer vor den Fernseher locken, sondern eigene Exklusivproduktionen, wie etwa der ARD Tatort. Hier liegt auch die Chance für TV Sender, sich von Wettbewerbern über die eigene Programmstruktur abzugrenzen und durch eine Konsistenz der Sendeinhalte auch ein klares Senderimage aufzubauen. Eigener Content schafft eine stärkere Bindung zum Sender als eingekaufte Serien und Kinofilme. Diese werden immer stärker zur Leistung von Streamingdiensten avancieren. Denn Zuschauer wollen nicht eine Woche auf die Fortsetzung ihrer Lieblingsserie warten.

 

Aber in einem Aspekt hat lineares TV immer noch allen anderen Medienformaten etwas voraus:  Nämlich in der einzigartigen Qualität des klassischen TV, Live-Events zu übertragen. Egal ob Fußball-WM, Großevents oder exklusive Live-Sendungen zu aktuellen Themen, die die Menschen bewegen. TV wird auch in 20 Jahren noch das Medium Nr. 1 sein, wenn es darum geht Menschen durch Gleichzeitigkeit zusammen zu bringen. Nur das klassische Fernsehen ist in der Lage, eine ganze Nation zeitgleich an einem Ereignis partizipieren zu lassen. Denn Ereignisse, die auf das Gefühl von Gemeinschaft setzten, sind nur durch die zeitliche Taktung in linearen Formaten möglich. Es wird deshalb zunehmend Aufgabe des Fernsehens werden, Ereignisse zu schaffen, denen im Moment der Rezeption der Eindruck des Besonderen anhaftet und so gesellschaftliche Relevanz schafft. Das Fernsehen braucht Ereignisse, über die am nächsten Tag im Büro gesprochen wird!

 

Auch wir glauben, dass die letzten Jahre des TVs noch nicht angebrochen sind. Die Expertenmeinungen zeigen uns, dass sich technologisch kaum noch eine Grenze zwischen Online und TV ziehen lassen wird. Trotzdem verfügt das TV noch immer über eigene Qualitäten, es geht somit nicht um die komplette Verdrängung des TVs durch Online, sondern um die sinnvolle Ergänzung beider Medien zueinander, die sowohl einer Rezeptions- als auch einer soziokulturellen Logik folgen. Dann kann es auch in Zukunft wieder zu bestimmten Zeiten und/oder in bestimmten Gruppen heißen: Bitte nicht stören – Ich glotz’ TV.

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