Agenda 43/14

Am 20.10.2014 von Haruki

Floodwatch: Wer bin ich und wenn ja wieviele?

Eine alte Weisheit der Netzkultur besagt: „Das Internet vergisst nichts!“ Das stimmt. Das Internet vergisst nichts. Es übersieht aber viel. Jeder von uns hinterlässt heute digitale Spuren, trackbare Daten, die unsere Surfgewohnheiten widerspiegeln. Und doch zeichnet die Summe unserer hinterlassenen Datenspuren nur ein sehr holzschnittartiges Bild von dem, wer wir tatsächlich sind. Das Internet und seine Retargeting-Möglichkeiten erkennen uns als Persona, als Konsumenten, als Repräsentanzen nachvollziehbarer und kategorisierbarer Interessen und Verhaltensmuster. Und es sanktioniert unsere Ausflüge in die Ecken des Webs, wo wir uns am äußeren Rand unserer tatsächlichen Konsuminteressen befinden mit seiner Unfähigkeit, tatsächliche von vermeintlichen Präferenzen zu unterscheiden. Da haben wir einmal nach “Diät” gesucht und schon werden scheinbar intelligente Algorithmen auf uns losgelassen, die uns als Teil einer übergewichtigen und doch abnehmwilligen Zielgruppe unbeirrbar bearbeiten.

 

Das gegebene Versprechen, Tracking-Daten würden helfen, Produktangebote relevanter für uns zu gestalten, führt in der Konsequenz allzu häufig zu Frustration. Und statt den Inhalt von Display-Kampagnen mit großem Interesse zu verfolgen, werden wir reaktant und möchten den Marketingabteilungen dieser Welt zurufen, dass das, was sie über uns zu wissen glauben, nichts mit uns zu tun habe. Doch wie geht das? Wie nehmen wir unser Recht wahr mitzugestalten, wie das Internet uns sieht? Welche Tools stehen uns zur Verfügung. Dürfen wir unsere Wünsche denn nicht selbst interpretieren und mitteilen?

 

Ein simples Google Chrome PlugIn möchte uns diese Möglichkeit bieten. „Floodwatch“ ist aus der Zusammenarbeit des Pulitzer Preis Gewinners Ashkan Soltani mit dem Datenunternehmen The Office for Creative Research entstanden. Es sammelt Werbeanzeigen, die mir im Laufe meines Internetalltags begegnen. Anschließend werden sie hinsichtlich ihres Umfelds, der beworbenen Produkte und weiterer Parameter analysiert und leitet daraus ein persönliches Werbe-Profil ab: unser Internet-Selbst aus Sicht des Online- und Mobile Marketing.

 

Dienste wie Floodwatch helfen dem User mehr Transparenz und Autonomie im Umgang mit seinen Daten zu erfahren. Denn tatsächlich haben wir nichts gegen diese Filterfunktionen, die uns nach Performancekriterien für uns interessante Inhalte zuschlüsseln wollen. Letztlich hilft es uns, wenn uns ein Werbetreibender erklärt, warum er ein bestimmtes Produkt als relevant für uns erachtet. Relevanz entsteht im Dialog. Und je unmittelbarer dieser Dialog wird, je weniger er von den abstrakten Kategorisierungen allgemeiner Systeme abhängig ist, desto effizienter wird der Mitteleinsatz für beide Seiten: finanziell für den Werbetreibenden; was unser Zeit- und Aufmerksamkeitsbudget angeht, für uns Konsumenten. Es ist erfreulich, dass sich Algorithmen nun auch auf unsere Seite stellen. Wir helfen gerne mit. Im Dienst besserer Werbung.

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