Agenda 43/14

Am 20.10.2014 von Haruki

Doc Google, sag mir, was mir fehlt!

Wie im letzten Jahr wird uns auch dieser Winter Nässe, Wind und kalte Temperaturen bringen. Und wie im letzten Jahr wird das kalte Wetter von Grippe und Erkältungen begleitet werden. Was tut der moderne Mensch, wenn er heute das Gefühl hat, sich etwas eingefangen zu haben? Er geht nicht zum Arzt: er fragt Google. Er sucht nach Informationen zu wahrgenommenen Symptomen, entweder um sich den Besuch beim eigenen Hausarzt zu ersparen oder um sich darauf vorzubereiten. Die Fülle an Informationen und Breite an Wissen und Erfahrungswerten, die das World Wide Web für uns bereithält, werden uns helfen, Krankheitssymptome richtig zu deuten und ihre Bedeutung einschätzen zu können.

 

Tatsächlich ist das Internet kein Ersatz für einen ausgebildeten Mediziner: Es verweist uns meist nur auf Gesundheitsratgeber oder Foren, in denen entweder selbsternannte Experten Ferndiagnosen auf Basis eigener Lebenserfahrung stellen oder die Bedeutung von Symptomen demokratisch im Dialog verhandelt wird. Es fällt uns deshalb schwer, diesen Diagnosen zu vertrauen – auch wenn sie ein diffuses Gefühl von Kontrolle erzeugen und die scheinbare Qualifikation mit sich bringen, selbstbestimmter mit dem Thema Krankheit umzugehen. Das Problem ist: Eine Krankheit ist nicht Summe ihrer wahrnehmbaren Symptome. Denn Symptome sind Ausprägungen, die verschiedene Ursachen haben können – das wissen wir nicht erst seit „Doctor House“. Um Symptome verlässlich zu interpretieren, müssen sie in Relation zueinander, zu unserer Krankheitshistorie und zu unserem allgemeinen Körperbefinden gesetzt werden: Anamnese, Diagnose und Therapie sind Aufgabe ausgebildeter Mediziner, nicht die komplexer Algorithmen. Und Google weiß das.

 

Wie letzte Woche bekannt wurde, plant Google deshalb die Bereitstellung eines Dienstes, der die Suche nach Krankheitssymptomen um eine neue Funktion erweitern wird: Gibt man Krankheitssymptome in die Google-Suchmaske ein, soll demnächst zusätzlich zu den regulären Suchergebnissen ein kleines Kamera-Symbol mit den Hinweis „Talk to a doctor“ erscheinen. Darüber kann der User mit nur wenigen Klicks in eine Live-Video-Konferenz mit einem ausgebildeten Arzt treten. Der Dienst soll als Teil des Experten-Tools “Help Outs” angeboten werden. Anfallende Kosten für die Beratung können so über das Google-Wallet beglichen werden.

 

Google’s neuer Dienst ist ein weiteres Beispiel für die zunehmende Digitalisierung verschiedenster Lebens- und Servicebereiche. Er verdeutlich aber auch, dass die Automatisierung von Services noch immer Grenzen hat: Es mag eine Frage der Zeit sein, doch an dem Punkt, an dem eine menschliche Interpretationsleistung gefragt ist, geraten digitale Beratungsservices an ihre Grenzen. Sie können jedoch als Schnittstelle fungieren, die Ratsuchende und Ratgeber zueinander sinnvoll in Beziehung setzt. Perspektivisch werden Services wie der Google-Doctor weiter an Attraktivität und Kompetenz gewinnen; und zwar in dem Maß, in dem unsere digitalen Devices als Gesundheitsmonitore über unsere körperliche, seelische und geistige Verfassung informiert sind und wachen. Vor allem im Präventivbereich werden wir lernen, uns immer mehr auf unsere heimlichen Begleiter zu verlassen.

Artikel kommentieren

Ähnliche Beiträge